Wie, über das Halleluja von Leonard Cohen willst du schreiben? Nein, will ich nicht, kann ich gar nicht. Weil ich kein Halleluja von Cohen kenne. Allenfalls kenn ich sowas: Cohen-Strophen mit dem Kehrreim „Halleluja“, denen ein Chorus zwischengeschaltet ist, der jeweils viermal den Ruf „Halleluja“ zitiert. So eine Textvorlage Cohens kenne ich. Und tatsächlich, von ihr soll die Rede sein.

Um ein Halleluja handelt sich’s nicht. Warum nicht? Lesen wir nach bei Wikipedia: 

„Halleluja ist die deutsche Transkription des hebräischen haləlūjāh, ein liturgischer Freudengesang in der jüdischen Tradition und ein Aufruf zum Lobe Gottes in der christlichen Tradition.“ Um einen Imperativ Plural handle es sich: „Lobet den Herrn!“

In Lob-Psalmen des Alten Testaments findet sich dieser Ruf, das aktuelle Evangelische Gesangbuch versammelt 10 verschiedene Halleluja-Gesänge, und das katholische, da der Halleluja-Ruf in der Messe eine wichtige Rolle einnimmt, sogar deren 19. Nebenbei notieren wir, dass das katholische Gesangbuch geradewegs „Gotteslob“, also Halleluja, heißt. Kurzum, für praktizierende Juden wie Christen liegt diese Formel des Lobes und der Dankbarkeit, griffbereit, samt passender Melodien.

Einer Dankbarkeit, die sich auf jüdische Ehrfurcht oder christliche Demut gründet. Und hier? Von beidem ist nichts zu finden. Kein Lob Gottes wäre beabsichtigt, und schon gar kein imperativisch-pluraler Aufruf dazu. Einem Spielfilm, der letztes Jahr über Cohens Lied erschienen ist, entnehme ich, dass Cohen insgesamt gut 80 Strophen zu dieser Lied-Baustelle geschrieben habe. Wovon mir dann ca. 78 unbekannt sein dürften. Doch neverless bin ich mir wirklich sicher: Keine, nicht eine einzige der Strophen – der mir unbekannten nicht anders als der mir bekannten – nimmt eine Halleluja-Haltung ein.

Woher diese Gewißheit? 

Weil dem Song konsequent ein einfaches Prinzip zugrundeliegt. Dies: dass jede Strophe etwas nicht Gotteslob-mäßiges anführt, was dann am Ende auf Halleluja reimt – – nein, eben nicht reimt, sondern in einen Zwangs-Halbreim daumengeschraubt wird. So weit ich sehe, und ich will hier nur die sieben bekanntesten Strophen betrachten, kommen ausschließlich unreime Reime vor, die alle auf dieselbe Weise erzeugt werden: indem auf die Schlußsilbe „-ja“ von „Halleluja“ „You“ gereimt wird. Ein Phonetik-Gewaltakt, den Cohen offenbar originell und vergnüglich fand, denn er wird seiner nicht müde. Seien wir ehrlich: Doll witzig ist das Spielchen nicht, und eigentlich schon beim drittenmal eintönig redundant. 

Zwischenfrage: Wäre das Lied ein „Broken Halleluja“, wie es im Text mehrfach erwähnt wird? Antwort: Auch das nicht. Auch für ein Broken Halleluja, ein lückenhaftes Gotteslob, müsste die Halleluja-Grundstimmung erstmal exponiert werden (um dann gebrochen werden zu können), auch dafür müsste Gott erstmal gelobt werden.

Um ein Beispiel für ein Broken Halleluja zu liefern, zitiere ich aus Psalm 144:  „Gelobt sei der HERR, mein Fels, der meine Hände kämpfen lehrt und meine Fäuste, Krieg zu führen, meine Hilfe und meine Burg, mein Schutz und mein Erretter, mein Schild, auf den ich traue, der mein Volk unter mich zwingt. Sende Blitze und zerstreue deine Feinde, / schick deine Pfeile und erschrecke sie“ – kein schöne Wünsche sind´s, die die betende Person an ihren Gott anstimmt. Deutlich wird: Da stimmt wer sein Halleluja an im Gefechtslärm, in starker Bedrängnis.

Notfalls mag sogar das „»Ha – aaaaah – läh – – Himml – Himml Herrgott – Saggerament – uuuuuh – iah!«  von Ludwig Thomas „Münchner im Himmel“ als Broken Halleluja durchgehen, indem er es anstimmt, weil dieser Münchner damit, zumindest halbherzig, der Aufforderung zum Lobgesang nachkommen will. Cohens Lied will das nicht. Zum gebrochenen Danklied fehlt hier die Grund-Haltung. Demut? Dankbarkeit? Fehlanzeige.

Was wird denn geboten? Ich unternheme eine Grob-Unterteilung und unterscheide dreierlei Strophengattungen, denen ich eigens dafür entwickelte Gattungbezeichnungen verleihe:

1. Zeugs-Strophen 

2. Bukowski-Strophen  

3. eine Kneipentresen-Strophe.

Beginnen wir mit dem Anfang:

Ich hab gehört, da gab’s nen geheimen Akkord, den David spielte, und der Gott gefiel. Aber du interessierst dich nicht für Musik, was? Er geht so: Quarte, Quinte, Mollsenkung, Dur-Steigung, der baffe König beim Hallelujakomponieren.

Da stellen sich einige Fragen: I´ve heard – wo hast du das gehört bitte?

Und wenn dein Gegenüber sich nicht für Musik interessiert, wieso beschreibst du ihm dann den Akkordaufbau? Ja, überhaupt, gibt’s das, dass jemand deine Frage bejahen würde: Stimmt, Musik interessiert mich nicht? Irgendeine Musik hört doch jeder, ja, eigentlich behauptet sogar jede/r von irgendeiner Musik, sie zu lieben! Und wie geht der Akkord nun genau? Deine Beschreibung gibt nichts wirklich Nachspielbares her. Wer ist der König? Ist’s der alte Saul, dem, laut Bibel, der Knabe David auf der Harfe vorpielte? Oder ist David selbst schon König? Hat er auch in dieser Position noch Harfe gespielt? Davon freilich berichtet die Bibel nichts. Wieso ist der König baff – wegen des tollen Akkords? War der dem David, der bereits Königs ist, einfach so urplötzlich, in die Finger gekommen und der war baff darüber? Oder ist´s doch noch Saul, der König ist, und David hatte einen extrem coolen Akkord augetüftelt, der Gott gut gefiel und der Saul einfach nur verwirrte?

Kurz – in dieser Strophe steht viel Zeugs, das ein klares Nachvollziehen unmöglich macht. Klar ist, dass Cohen just diese Fülle von Fragen aufwerfen wollte. So viel zu Zeugs-Strophe 1. 

Zeugsstrophe 2 spielt an auf eins der Zehn Gebote – Du sollst den Namen Gottes nicht vergeblich führen:

Du sagtst, ich habe den Namen vergeblich geführt,
doch ich kenne den Namen gar nicht.
Und wenn, was geht’s dich an?
In jedem Wort gibt’s nen Glanz von Licht.
Ob du das heilige oder 
das gebrochene Halleluja gehört hast, ist egal. 

Zeugsstrophe 3:

Dein Glaube war stark, doch du brauchtest Beweise
du sahst sie auf dem Dach baden
ihre Schönheit und das Mondlicht hauten dich um
sie fesselte dich an ihren Küchenstuhl
zerbrach deinen Thron und schnitt dir dein Haar
und zog von deinen Lippen das Halleluja

Zwei alttestamentliche Bezüge – David sieht vom Dach aus Bathseba baden und wird scharf auf sie; Daliah überwältigt den schlafenden Samson und beraubt ihn seiner Superkraft, indem sie sein Haar schneidet – werden miteinander und mit sonstigem Zeugs verrührt.

Die Zeugs-Strophen betreffend will ich auf einen anderen Song verweisen, der, wie der Cohen-Song, gern und unpassenderweise für Hochzeiten ausgewählt wird und bei dem, wie beim Cohen-Song, Strophentext und Hookline gegensätzliche Grundstimmung zeigen: Viva la vida von Coldplay. 

Ich pflegte die Welt zu beherrschen, Meere stiegen, wenn ich es befahl, jetzt schlaf ich morgens allein, wische die Straßen, die ich vorher besaß. Ich höre Glocken von Jerusalem und römische Kavallerie.

Hier berichtet Wikipedia von synthetischer Zusammenwurstelei der Urheber: 

„Als Produzenten holte sich Coldplay (…) den als Innovator geltenden (…) Brian Eno, (…). Er und (…) Markus Dravs (…) beeinflussten den Sound (…) maßgeblich, so besitzt Viva la Vida ein instrumentales Arrangement sowie geschwungene Texte mit Inhalten aus der Bibel, z. B. „I hear Jerusalem bells“. 

Bezeichnenderweise zählen für den/die Wikipedia-AutorIn die „geschwungenen Texte“ mit zum „Sound“ des Songs.

Jerusalem Bells wären ein biblischer Inhalt? Glocken kommen in der gesamten Bibel keine vor. Jerusalem kommt dort vor, aber nicht nur dort, sondern auch im Reiseführer und in den Nachrichten. Mir als einem Christen fällt bei solchen „Ist aus der Bibel“-Assoziationen ein Disput ein, den ich mal den Song „Über sieben Brücken“ betreffend mit einem Herrn, der in diesem Text Qualitäten zu erkennen meinte, hielt. Mein bibelferner Dialogpartner behauptete, darin Biblisches anzutreffen, und ich sagte: Schaukelpferd, fallender Glücksstern, Bank, Uhr des Lebens, nichts davon gibt’s in der Bibel. Okay, die Zahl Sieben kommt vor. Die findet sich aber auch in „Der Wolf und die sieben Geisslein“ und im Kinderlied „1 2 3 4 5 6 7, wo ist denn der Hans geblieben?“, ohne dass hier biblische Bezüge unterstellt würden. Sieben fette und sieben magere Jahre sagt der biblische Josef dem Pharao voraus, aber in Ägypten, wo das stattfand, dürften die fetten Jahre eher regnerisch dunkel gewesen sein, während die mageren Jahre, die man überstehen muss, hell gewesen sein dürften – ganz anders als im Text der Puhdys. Kurzum, als Bibelleser kann ich in den „Sieben Brücken“ nicht wirklich biblische Bezüge konstatieren. Un bei „Viva la vida“ auch nicht.

Gleichwohl – „geschwungene Texte“ – was immer das sein mag – „mit Inhalten aus der Bibel“ mögen auch Cohen-Fans – je weniger bibelkundig, desto mehr – assoziieren. Ich bleibe beim Begriff Zeugsstrophen.

Kommen wir zu den Bukowskistrophen:

Kann sein, da oben gibt’s nen Gott
Doch alles, was ich je von der Liebe lernte
war: wie jemand, der schneller gezogen hat als du, zu erschiessen ist
Es ist kein Schrei, den du bei Nacht hörst
es ist nicht irgendwer, der das Licht gesehn hat
Es ist kalt, und es ist ein gebrochenes Halleluja

Baby, hier war ich schon mal
hab diesen Raum gesehn, bin über diesen Boden gegangen
bevor ich dich kannte, hab ich allein gelebt
ich hab deine Flagge auf dem Marmorbogen gesehen
doch Liebe ist kein Triumphzug
es ist kalt und ist ein gebrochenes Halleluja

Es gab ne Zeit, da du mich wissen ließt
was unten wirklich abgeht
aber jetzt zeigst du mir das nie, oder?
Aber erinnere dich dran, als ich in dich einzog
und der Heilige Geist dich bewegte
und jeder unserer Atemzüge Halleluja lautete

Die Tresenstrophe schließlich geb ich, weil sie aus durchweg ganz simplen Formulierungen besteht, im Original: 

I did my best, it wasn’t much
I couldn’t feel, so I tried to touch
I’ve told the truth, I didn’t come to fool ya
And even though it all went wrong
I’ll stand before the Lord of song
With nothing on my tongue but hallelujah

Frei übersetzt:

Ja, war nicht viel, aber ich hab’s versucht.
Sorry, jetzt hab ich dich angetatscht, wollt einfach mal was spüren. 
Aber jetzt echt ohne Scheiß!
dann ist alles schief gelaufen, 
jetzt steh ich vor dieser wunderschönsten aller Wirtinen 
mit nichts als nem Zehner auf Tasche. 

Markige Sprüche ohne irgend was Konkretes – was ist denn z.B. bittschön alles schief gelaufen? Wenn man achtzig Strophen schreibt, könnt man ja vielleicht was davon andeuten – : In diesem Kontext erscheint auch die Demutsgeste zum Strofenabschluß mir nicht glaubhaft. 

Im Grunde genommen folgt Cohens Halleluja-Projekt demselben Prinzip wie viele Tangos und Schlager der vergangenen Jahrhundertmitte: wo Strophe und Chorus im deutlichsten rhetorischen Kontrast operieren, oft unterstrichen durch drastischen Moll-Dur-Wechsel. Wobei Cohen bei seiner musikalischen Gestik generell zurückhaltend bleibt, das Wechselbad im musikalischen Feld unterbleibt.

Wahrlich kein Cohen-Fan, weiß ich einige solche in meinem nächsten Umfeld. Durchweg kann ich bei ihnen – obwohl gerade sie es besser wissen müssten – eine „Der Dichter wird sich dabei schon was gedacht haben“-Haltung beobachten. 

Ich seh es anders. 

Ich glaube nicht, dass Cohen “sich was gedacht” hat; dass es ihm um Vermittlung wichtiger Gedanken gegangen wäre. Ist solche mein Anliegen, bin ich ja bestrebt, mich klar und transparent zu auszudrücken. Und nicht einen Salat schnell einander widersprechender Sätze anzumixen, wie die Zeugs-Strophen das tun. Überhaupt, ich nehme Widerspruch gern entgegen: Wenn jemandem im „Halleluja“-Text irgend ein wichtiger Gedanke aufgefallen ist, freue ich mich, wenn er mir, mail@martinbetz.de, mitgeteilt wird. 

Ich fahre fort: Dem Texter Cohen ist’s vielmehr um das zu tun, was die Coldplay-Wikipedia-Autoren „Sound“ nennen, um ein Abmischen von Deutlichkeit und Undeutlichkeit – darum, ein bestimmtes Maß von Nichttransparenz herzustellen, ein Geraune, das ihn, weil er´s für angebracht hält hier, zufriedenstellt. Eine biblische Episode im Song nachzuerzählen, wär ihm zu naiv-fromm, er wird sie auflösen und verbiegen, ähnlich einem Maler, der, wenn ein Gegenstand naturalistisch aus der Leinwand zu leuchten droht, mit Schwamm und Aquarellfarbe verfremdend drübergeht. Eine rückhaltlose Liebeserklärung wiederum wär Cohen wohl zu schlagermäßig, Liebesszenen brauchen hier eine düstere Einfärbung, muddy waters. 

Ein Wort zur Musik. Generell frage ich mich, wieso Cohen, der jahrezehntelang mit guten Musikern auf Bühnen und Touren unterwegs war, sich nicht mal zu komplexeren Kompositionen anregen ließ als zu den sehr einfachen Pop-Melodien und -Akkordfolgen, wie sie auch die Halleluja-Collage kennzeichnen – und von Fans vermutlich gerade geliebt werden. Liebt, liebe Fans, diese Einfachheit! Ich als einer, der selbst  Lieder zu schreiben und zu komponieren versucht, kann nur immer neu feststellen: Was den musikalischen Werkzeugkasten angeht, beschied sich Cohen schon arg lang mit seinem Basis-Sortiment, Peter Burschs Gitarrenbuch Band 1 reicht vollauf. Sodass wer wie ich, der immer neu nur lernen will, mich schließlich enttäuscht abwenden muss: Nee – hier kann ich mir wirklich nichts abgucken. 

Sollte ich einst im Himmel, im Zuge einer Ämterrotation, für eine Woche den Posten des God of Song besetzen müssen, und Cohen käm an mit „Nothing on the lips but Halleluja“- dann werd ich sagen: Okay, singen wir Halleluja! Aber ein echtes, und bitte nicht nach Deiner Mitschunkel-Melodie, sondern nach Gotteslob 182, 6. Und, Leonard, bitte auch die hohen Töne mitnehmen! Kannste nur lernen bei.

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