Einleitung


Teufelspakte werden heute noch geschlossen. Sie sind geschlossen worden, bevor der Alchimist Johannes Faust im frühen 16. Jahrhundert einen geschlossen haben soll, und vermutlich hat es sie zu jeder Zeit gegeben. Mich interessiert dieses Thema nicht sonderlich. Goethe hat es interessiert: Er widmet ihm ein riesiges zweiteiliges Drama. Dessen erster Teil gilt als Paradestück deutscher Literatur, als Klassiker schlechthin. Ich halte ihn für mißlungen, leider! – handelt sich‘s beim Dichter doch um einen meiner Favoriten. Ihn muß ich hier in untypisch schwacher Verfassung erleben. Ja, ich bewerte dieses Lieblingsstück des Deutschunterrichts mit einer Lieblingsformulierung des Deutschunterrichts: „Thema verfehlt“.

Das Thema sei kurz skizziert: Kleinen Mann plagt große Sehnsucht, was kann er tun? Ein Verführer bietet Abhilfe, ein Pakt wird geschlossen. Prompt wird das Versprochene geboten: Durchweg gilt für Teufel, daß sie ihre Pflichten penibel einhalten. Was folgt, ist Reue – spätestens, sobald die vereinbarte Gegenleistung ansteht, ja, womöglich schon vorher, weil der Kleine mit so viel Macht nicht umgehen kann. Moral: Laß dich nicht verführen!

Dieser Plot liegt romantischen Teufelspakt-Geschichten zugrunde: denen vom Kalten Herzen (Hauff), vom Gevatter Tod (Grimm), von Peter Schlemihl (Chamisso), der Oper vom Freischützen. Auch Faust I und wichtige Vorläufer – das sogenannte Volksbuch vom Doktor Faust und Marlowes Drama, welches Goethe unbekannt gewesen sein soll – verwenden diesen Zentralrahmen. Wobei Faust-Geschichten kein optimal ausgeprägtes Auf-Ab des Handlungsbogens aufweisen, weil ihr Held eingangs keinen kleinen Köhler oder Försterburschen darstellt, sondern bereits vorm Pakt eine illustre, ja, etablierte Person.

Tatsache ist: Wo die Hauptfigur einen Vertrag abschließt mit der „Kraft, die (…) stets das Böse schafft“, und das später bereut, bewegen wir uns auf dem Terrain religiöser Schwarz-Weiß-Malerei. Und damit auf keinem Lieblingsgebiet Goethes! Auch wenn er sich mit beiden Faust-Dramen ausgiebig hier tummelt, zuhause ist Goethe hier nicht. Er spielt auswärts.

Nun tut Goethe viel dafür, den Grund-Bogen zu zerklüften, aufzuweichen und zu dehnen. Beinah, als sei‘s ihm peinlich, sich dafür entschieden zu haben. Erhebliche Un-Ökonomie waltet: Faust I braucht für die klassische Handlungskurve – Unzufriedenheit-Teufelsvertrag-Höhenflug-abschließende Reue – zweihundert Seiten!

Wie läßt sich die Handlung von Faust I zusammenfassen? Oft hör ich sie so skizziert: Ein Wissenschaftler ist frustriert wegen der Grenzen menschlicher Erkenntnis. Deshalb schließt er einen Teufelspakt, dann verführt er ein junges Mädchen.

Dazu will ich dreierlei anmerken.

1. Faust, der den Pakt schließt, ist kein Wissenschaftler. Er hat „allem Wissen“ abgeschworen. Im Vertrag geht‘s um keinerlei wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn.

2. Faust von sich aus sucht keinen Kontakt zum Teufel. Die Kontaktaufnahme geht einseitig von Mephisto aus.

3. Faust von sich aus sucht keinen Kontakt zu Gretchen. Okay, er tut‘s – unterm Einfluß einer starken Aufgeil-Droge, die Mephisto ihm aufgeschwatzt hat.

Das heißt: Faust handelt nicht autonom, sondern fremdgesteuert (Punkte 2 und 3), und, wichtiger noch: Keineswegs strebt er durchgängig ein bestimmtes Ziel an. Mephisto nutzt Krisen Fausts, um, wie Mephisto selbst sagt, „ihn meine Straße sacht zu führen“. Wir erleben keinen Intellektuellen, keinen Aufklärer, vielmehr einen Wankelmütigen, der als Spielball höherer Mächte benutzt wird.

Einem weiteren Ondit muß widersprochen worden: Faust gilt als philosophisches Werk, das Gedanken von großer Schärfe vortrage. Das trifft nicht zu, jedenfalls, wenn wir uns auf Faust I beschränken. Kokette Behauptungen werden vorgetragen wie diejenige Mephistos, er arbeite für die „Kraft,/ Die stets das Gute will“. Wieso sollte die Hölle das Gute wollen? Mephisto will es nicht, als er seine Faust-Gretchen-Kuppelei kommentiert mit den Worten: „hab ich doch meine Freude dran!“ Als kokett empfinde ich auch den Versuch Fausts, den Begriff „logos“ eingangs des Johannesevangeliums zu übersetzen beispielsweise mit „die Tat“ – ernst nehmen kann ich diese Passage nicht.

Den Ertrag von weisen Bemerkungen betreffend bin ich von Faust I schwer enttäuscht, umso mehr, als ich Goethe gerade seiner Weisheit wegen bewundere. In den „Maximen und Reflexionen“ oder in Faust II werd ich diesbezüglich fündig, in Faust I kaum. Bei kurzem Nachdenken fällt mir eine einzige kluge, des Memorierens werte Bemerkung ein, die sich hier fände. Sie hat auch Ruhm erlangt:

Was du ererbt von deinen Vätern hast,
erwirb es, um es zu besitzen –

bloß, weil ich etwas geerbt hab, besitze ich es noch lang nicht. Ich muß es mir erst mühsam aneignen und beherrschen lernen. Dem Sohnemann, der den von Papa geerbten Porsche zu einer leichtfertigen Spritztour nutzt und zu Schrott fährt, darf man das sagen. Doch auch diese Weisheit erscheint im Drama ganz ungünstig eingebaut. Goethe hätt ihr ein dramatisch-pädagogisches Podium bauen können – beispielsweise so: Faust will mit dem Destillationsapparat von Papa Gold hestellen und beim Erhitzen fliegt ihm das ganze Brimborium explodierend um die Ohren: Was du ererbt hast, erwirb’s dir bitte erstmal! Der Faust-I-Kontext, in welchem Goethe den Satz platziert ist aber dieser: Faust stöhnt über die Massen von Gerümpel-Gerät, die bei ihm verstauben. Die passende Konklusio für diesen Monolog wäre: 

„Was du ererbt von deinen Vätern hast,
bring’s endlich zur Müllkippe!“

Kurzum, weder vom Szenischen noch von seinen Sentenzen her eignen Faust I wesentliche Züge eines philosophischen Werks. Vielmehr verkörpert das Drama weitgehend das Gegenteil davon: ein Spektakel. Falls ein anderes Stück Goethes irgend in der Nähe zu Faust I anzusiedeln wäre, dann das „Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“. Nur daß Faust I im Unterschied zu dieser straff komponierten Kleinigkeit lange Mono- und Dialogpassagen aufweist, welche manchmal Positionen und häufig Launen ausdrücken.

Prägend für den Charakter von Faust I finde ich dreierlei:

1. Eine Hauptfigur, die kontinuierlich starken Schwankungen unterworfen ist
2. Aufwendige Bühnen-Effekte
3. Wortreichen, ja, geschwätzigen Konversationston

Das festzustellen, braucht‘s keinen Scharfsinn, nur ruhige Betrachtung. Meine Beobachtungen versuche ich, als Folge von zehn Schwachpunkten zusammenzufassen. Kommt und seht!


Schwachpunkt 1 – Der Prolog im Himmel

Goethe bemerkt am 18.1.1825 zu Eckermann: „Hat daher auch die Exposition meines ‚Faust‘ mit der des ‚Hiob‘ einige Ähnlichkeit, so ist das wiederum ganz recht, und ich bin deswegen eher zu loben als zu tadeln.“ Tatsächlich zeigt sich augenfällige Ähnlichkeit: „Hast du nicht achtgehabt auf meinen Knecht Hiob?“, heißt‘s im biblischen Buch. Und bei Goethe:

Der Herr: Kennst du den Faust?
Mephistopheles: Den Doktor?
Der Herr: Meinen Knecht!

Mir erscheint der Prolog als schwächste und schädlichste Szene des Stücks überhaupt. Sie paßt nicht zur folgenden Handlung – und weil das so ist, muß Goethe die Hauptfiguren, Mephisto und Faust, hier anders erscheinen lassen als anschließend im Drama.

Erinnern wir uns ans Hiobbuch: Dort behauptet Satan, den standhaften Titelhelden durch Qualen vom Glauben abbringen zu können. Gott ist von Hiob überzeugt und wettet dagegen. Im Faust-Prolog verkündet Mephisto analog: Ich werde Faust vom rechten Wege abbringen. Was allerdings keine kühne Behauptung darstellt – Faust ist kein Hiob. Der Faust des Stückbeginns ist bereits vom Glauben abgefallen und zudem starken Schwankungen unterworfen.

Blicken wir auf die Biografie Fausts, wie er selbst sie im Drama erzählt. Beim Osterspaziergang berichtet er, daß er einst seinem Vater, einem alchimistischen Arzt, im Kampf gegen die Pest assistierte. Damals hat sich Faust in religiöser Askese versucht:

Hier saß ich oft gedankenvoll allein
Und quälte mich mit Beten und mit Fasten.
An Hoffnung reich, im Glauben fest,
Mit Tränen, Seufzen, Händeringen
Dacht‘ ich das Ende jener Pest
Vom Herrn des Himmels zu erzwingen –

Diese Zeit muß länger zurückliegen. Seinem Anfangsmonolg zufolge ist Faust „schon an die zehen Jahr“ Hochschullehrer, in der Hexenküche soll er um „dreißig Jahr“ verjüngt werden, wir dürfen uns einen Mittfünfziger vorstellen. Und der ist ungläubig! Zwar läßt sich Faust durch die „süßen Himmelslieder“ des Ostermorgens vom Selbstmord abhalten, da er „an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt“ ist. Schwächt aber sofort ab: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“

Als Glaubens-Abtrünniger gehört Faust zu jenen Personen, die dem Neuen Testament zufolge der aller-übelsten Bestrafung entgegensehen. Gott weiß das natürlich – nur bei Goethe weiß er‘s nicht. Goethes Gott ist so verpeilt, Fausts Entwicklung schlicht zu übersehen. Und in vier Zeilen zwei einander widersprechende Aussagen zu bringen:

Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient,
So werd ich ihn bald in die Klarheit führen.
Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,
Daß Blüt und Frucht die künft‘gen Jahre zieren.

In den ersten beiden Zeilen sagt Gott: Ich handle und leite, ich werde Faust demnächst führen. In den folgenden zwei Zeilen sagt er: Ich gucke zu. Ich kann am grünenden Faust erkennen, daß er bald blühen und Frucht erbringen wird.

Wieso Gott unlogisch argumentiert, weiß ich nicht. Wieso er zu blind ist, über Faust im Bilde zu sein, weiß ich: Sonst würd‘ Goethe seine Szene nicht zusammenkriegen. Auf den wankelmütigen, arroganten, ewig mäkelnden Faust, wie er im Drama auftritt, würde Gott keinen Pfifferling verwetten. Goethe muß einen strohdummen, blinden Gott erfinden, damit Mephisto einen Wettpartner hat.

Auch dieser Mephisto des Prologs entspricht nicht jenem der folgenden Handlung. Indem der Prolog-Mephisto mit Gott auf Augenhöhe konferiert, just so, wie es am Hiob-Anfang der Satan tut, muß sich‘s bei ihm um einen Oberteufel handeln. Doch wer ist Mephisto?

Der Mephisto des Volksbuchs operiert als Höllen-Angestellter in einem mittleren Dienstgrad. Auf Nachfrage Fausts erläutert er das genau und skizziert ein veritables Höllen-Organigramm. Auch der Mephisto der dem „Prolog“ folgenden Goethe-Szenen stellt sich als Gruppen-Mitglied dar – „ich bin ein Teil von jener Kraft“ – und zeigt schon bei seinem ersten Auftritt Unbeholfenheit, als er im Studierzimmer eingesperrt sitzt. Immer wieder wird er auf Beschränktheit seiner Möglichkeiten verweisen: „Habe ich alle Macht im Himmel und auf Erden?“ fragt er rhetorisch, und Gretchen betreffend sagt er: „über die hab ich keine Gewalt“, bzw. „ich brauche wenigstens vierzehn Tag, nur die Gelegenheit auszuspüren“. Seine Fähigkeit, Schmuckkästchen zu finden, sieht er nicht angemessen gewürdigt: „O ja, dem Herrn ist alles Kinderspiel“, und droht an, „mir die weitre Müh zu sparen“. Vor Gretchens Gefängnis umreißt er exakt seine Kompetenzen und Inkompetenzen: „Ich kann die Bande des Rächers nicht lösen, seine Riegel nicht öffnen. (…) Des Türners Sinne will ich umnebeln (…) Die Zauberpferde sind bereit, ich entführe euch. Das vermag ich.“

Tatsächlich vepflichtet sich Mephisto als Diener, der auf Fausts „Wink nicht rasten und nicht ruhn“ dürfe, also ständig präsent bleibe, was schlecht zu einem Oberchef paßt. Auch Faust sieht Mephisto als untergeordneten Teufel an. Nachdem er den Weltgeist nicht bei sich halten konnte und mit Mephisto vorlieb nehmen muß, kommentiert Faust:

Ich habe mich zu hoch gebläht,
In deinen Rang gehör‘ ich nur.

Später nennt er Mephisto einen „Schandgesellen“, der „kalt und frech, mich vor mir selbst erniedrigt“.

Desweiteren erscheint folgendes Prolog-Statement Mephistos fragwürdig:

Am meisten lieb ich mir die vollen, frischen Wangen.
Für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus;
Mir geht es wie der Katze mit der Maus.

Hier wird der Wert des Menschen nach seinem Tod geringgeschätzt. Beim Pakt allerdings wird Mephisto just das Leben nach dem Tode wichtig sein:

Ich will mich h i e r zu deinem Dienst verbinden, (…)
Wenn wir uns d r ü b e n wiederfinden,
So sollst du mir das Gleiche tun.

Und schließlich, ganz naiv gefragt: Wird hier nicht eine sogenannte Rahmenhandlung eröffnet? Wo bleibt denn bitte die andere Seite des Rahmens, der Schluß nämlich? Gut, auch bei Hiob wird der Rahmen schlußendlich nicht vervollständigt. Doch ist dort klar, daß das Team Gott/Hiob gesiegt hat. Und hier? Wie würde ein gnädiger Gott schließlich Faust bewerten?

Mensch, Goethe – was hat dich bewogen, diesen „Prolog“ einzubauen? Kein Mensch braucht den Quatsch! Schlüssig hätt‘ sich vermitteln lassen, daß Faust, „der Magie ergeben“, den Teufel herbeizitiert, wie es schon vom historischen Faust erzählt wird.

Ich hege einen bösen Verdacht:
Nachdem Goethe jenen Konversationston etabliert hatte, den ich mit zum Schwachpunkt 4 rechne (siehe dort), jenes wortreiche Parlieren, in dem sich Faust und Mephisto ergehen – nachdem das so flüssig schnurrte, reizte es Goethe, Gott in diesen Tonfall miteinzubeziehen. Und einen Dialog zu schreiben, wo ein Teufel über Gott sagt: „Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern“.

Was exponiert Goethe mit solchem Dialog? Keine Tragödienbühne, sondern einen lustigen Nachmittag im Gemeindehaus.


Schwachpunkt 2: Die Figur Fausts


Oben hab ich vier andere Teufelspakt-Geschichten aufgezählt: die Märchen vom Gevatter Tod, vom kalten Herzen und von Peter Schlemihl sowie die Oper „Der Freischütz“. Jeweils findet sich dort das Motiv, den Pakt zu schließen, klar umrissen. Im letzten Fall geht‘s darum, eine von zwei Liebenden gewünschte Verbindung einer entgegenstehenden Tradition zum Trotz zu ermöglichen, beim Kalten Herzen und beim Gevatter Tod soll materielle Armut überwunden werden, auch Schlemihl läßt sich durch Geld verlocken. Wieso schließt Faust einen Pakt? Weil Mephisto ihn umschmeichelte. Wieso läßt Faust sich darauf ein? Ich kann’s nicht sagen. Nicht, weil es kein Motiv gäbe. Sondern weil‘s so viele, mit Verlaub: halbgare Motive gibt!

Faust, das zeigt schon der Anfangsmonolog, ist frustriert. Wieso? Da kommt einiges zusammen.

Eine Sinnkrise erlebt Faust

1.) als Wissenschaftler:

Da steh ich nun, ich armer Tor (…)
und sehe, daß wir nichts wissen können!

2.) als Pädagoge:

Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,

3.) als Weltverbesser und Bekehrungs-Prediger:

Die Menschen zu bessern und zu bekehren.

Jeder einzelne dieser Krisen könnte zum Pakt führen und Gegenstand des Vertrags werden. Faust könnte sich wissenschaftliche Einsichten zusichern lassen, oder die Fähigkeit, Leute als Bußprediger zu erreichen.

Auch egoistische Wünsche betreffend ist Faust frustriert:

4.) Auch hab‘ ich weder Gut noch Geld,
5.) Noch Ehr‘ und Herrlichkeit der Welt

Die Frustriertheiten 4.) und 5.) empfinde ich als Undankbarkeit. Faust leidet keine Not, verfügt über sein Studierzimmer und seinen Famulus Wagner. Und er ist angesehen. Als der Schüler auftritt, bezeichnet er Faust als „einen Mann (…),/ Den alle mir mit Ehrfurcht nennen“.

Und beim Osterspaziergang sagt Wagner:

Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann,
Bei der Verehrung dieser Menge haben!

Den fünffachen Frust faßt Faust in einer Silbe zusammen: „Drum“.

Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;

Daß ich nicht mehr, mit saurem Schweiß,
zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,

– die letzten Zeilen wollen wir rot markieren. Als Grund, Magie zu treiben, nennt Faust nur die Fruste 1.) und 2.). Um Erkenntnisgewinn, um Verbesserung seiner Wissenschaft und Lehre sei ihm zu tun, kurz, um Dienst an der Menschheit. Es handelt sich um die allerersten Sekunden Fausts im Drama.

Ein paar Szenen weiter, beim Osterspaziergang, spricht Faust abermals von sich selbst. Hier bezeichnet er sich als hin- und hergerissen: „Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust“, die berühmte Zeile nennt einen Zwiespalt. Einen solchen thematisiert Goethe auch andernorts, im Gedicht an den Gingko etwa: „Spürst du nicht aus meinen Liedern,/ daß ich zwei und eines bin?“

Bloß: Worum handelt sich‘s bei den beiden Seelen Fausts? Ich weiß es nicht. Zur Darstellung der Zerrissenheit wären Klarheit und Präzision wünschenswert, leider liefert Goethe hier das Gegenteil.

Unmittelbar vorher hat Faust einen großen Wunsch geschildert: „O daß kein Flügel mich vom Boden hebt“, er möchte fliegen können. Dann erlebte er „die stille Welt zu seinen Füßen“ und würde sie, gerade in der raschen Abwechslung der Kulissen, genießen: „Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Tal,/ (…) Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten/ Vor den erstaunten Augen auf.“ Weil damals weder mit „Gut und Geld“ noch „durch Ehr und Herrlichkeit“ Flugtickets zu bekommen waren, müssen wir einen neuen Frust zählen: Frust 6.)

Wagner entgegnet, ihn selbst reize nur die Forschung: „Wie anders tragen uns die Geistesfreuden,/ Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!“ Solche Freuden könnten das Fliegen ersetzen: „Entrollst du gar ein würdig Pergament,/ So steigt der ganze Himmel zu uns nieder.“

Nun erwähnt Faust die beiden Seelen und fährt fort: „Die eine hält, in derber Liebeslust,/ Sich an die Welt mit klammernden Organen;/ Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust/ Zu den Gefilden hoher Ahnen./ O gibt es Geister in der Luft,/ Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben,/ So steiget nieder aus dem Duft/ und führt mich weg, zu neuem, buntem Leben./ Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein!/ Und trüg er mich in fremde Länder“ –

alles klar? Mir nicht. Ich verstehe nur abermals „Fliegenwollen“. Die eine Seele liebt die Welt – und die andere? Auch! Neues, buntes Leben der fremden Länder – diese Reiseprospekt-Verlockungen gehören ja auch zur Welt! Und wohin soll‘s denn nun gehen, zu den Gefilden der Ahnen oder doch lieber zum Neuen? Könnte zu Ersteren nicht durchaus das von Wagner propagierte „würdig Pergament“ hinführen? Will vielleicht die eine Seele träge und geduldig auf dem Erdboden hocken, und die andere eilig darüber hinrasen? Vita contemplativa contra vita activa, sollte das gemeint sein? Warum steht‘s dann nicht da? Fragen über Fragen. Und schließlich: „Du bist dir nur des einen Triebs bewußt;/ O lerne nie den andern kennen“, sagt Faust zu Wagner. Das heißt doch, daß es einen gemeinsamen Trieb Fausts und Wagners gäbe. Welcher wäre das? Fliegen will Wagner nicht, und „in derber Liebeslust“ dem Irdischen zu frönen, ist nun auch nicht sein Ding.

Auch abseits des Zwei-Seelen-Themas offenbart Faust bizarre Schwankungen: „Mir fehlt der Glaube“, hat er wenige Stunden vorher festgestellt, nun ermahnt er frömmlerisch die Bauern: „Vor jenem droben steht gebückt,/ Der helfen lehrt und Hilfe schickt.“ – Im Gegensatz zu Wagner, der sich als „Feind von allem Rohen“ bezeichnet, fühlt Faust sich wohl unterm Volk und nimmt gern den angebotenen „Erquickungstrank“, doch Mephisto gegenüber wird er sich später als menschenscheu bezeichnen: „Ich wußte nie mich in die Welt zu schicken“. – Im Anfangsmonolog zeigt sich Faust arrogant: „Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,/ Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen“, doch zu Mephisto sagt er: „Vor andern fühl ich mich so klein,/ Ich werde stets verlegen sein.“ Ist er nicht eher verlogen? Oder handelt sich‘s um die gewöhnlich Launen eines alten Zausels, der halt labil ist?

Etwas später wird Faust Mephisto gegenüber bitter klagen und eine neue, diesmal unkonkrete Liste von Frustriertheiten erstellen:

Nur mit Entsetzen wach´ ich morgens auf,
Ich möchte bittre Tränen weinen,
Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
Nicht einen Wunsch erfüllen wird, nicht einen,
Der selbst die Ahnung jeder Lust
Mit eigensinnigem Krittel mindert,
Die Schöpfung meiner regen Brust
Mit tausend Lebensfratzen hindert.

„nicht einen Wunsch“, „Ahnung jeder Lust“ – das läßt sich mit obiger Mängelliste (wissenschaftliche Erkenntnis, Fliegen-Können, Geld usw.) verknüpfen. Daß aber der „Tag“, das Tageslicht der Realität also, „die Schöpfung meiner regen Brust“ durch „Lebensfratzen hindert“ – das ist ein neuer Klagepunkt. Hier hätten wir – erst- und letztmals im Stück – den Kreativen, der seine Fantasien nicht umsetzen darf! Frust Nr. 7.)! Um was für Schöpfungen, was für hindernde Fratzen sich‘s handeln mag? Hat Faust eine Installation entworfen – im Altarraum der Kirche tanzen fünfzig Jungfrauen um einen gekreuzigten Waschbären -, und die spießigen Fratzen vom Gemeinderat haben‘s nicht genehmigt? Wir erfahren‘s nicht.

Im Ganzen: Was für einen Schwurbelkopf, was für eine Knalltüte haben wir in Gestalt Fausts vor uns! Ich erwähnte, daß es sich um einen gut Fünfzigjährigen handeln müsse – späte Pubertät! Und mit welcher Arroganz er herunterblickt auf „Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen“, den „ärmlichsten von allen Erdensöhnen“ (Wagner), den „Gefährten“, der “kalt und frech,/ Mich vor mir selbst erniedrigt“ (Mephisto) oder auf körperliche Arbeit: „Ich kann mich nicht bequemen,/ Den Spaten in die Hand zu nehmen“!

Im Volksbuch, und auch noch bei Marlowe, wird Faust als faszinierend-abschreckendes Fallbeispiel dargestellt, einem Nosferatu oder Caligari nicht unähnlich. Anders Goethe: Er breitet innere Dispositionen der Hauptfigur aus, ein Faust mit menschlichem Antlitz soll entstehen. Aber sympathisch ist dieser nicht.


Schwachpunkt 3: Fausts Entwicklung vorm Pakt


Wir sind noch immer in Fausts erster Szene, als sich die Situation des Frustrierten verändert. Nicht, weil die Fruste verschwänden, im Gegenteil: Ein neuer Frust, frisch und schmerzlich, kommt hinzu. Faust erlebt eine regelrechte Abfuhr.

Er betrachtet im Zauberbuch das Zeichen des Erdgeists, was ihn anturned:

Schon fühl ich meine Kräfte höher,
Schon glüh ich wie von neuem Wein.
Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen,
Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,
Mit Stürmen mich herumzuschlagen
Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen.

Nicht um Heilkunst, nicht um Wissensvermittlung geht‘s, sondern einzig um Abenteuer:

Ha! wie’s in meinem Herzen reißt!
Zu neuen Gefühlen
All meine Sinnen sich erwühlen!
Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben!
Du mußt! du mußt! und kostet es mein Leben!

Solchem Drängen gibt der Erdgeist nach und erscheint. Faust erschrickt und sagt:

(abgewendet)
Schreckliches Gesicht!
Weh! ich ertrag dich nicht!

Der Geist rügt:

Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
In allen Lebenslagen zittert,
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm?

Nun behauptet Faust:

Ich bin’s, bin Faust, bin deinesgleichen! (…)
Geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir!

Womit er gehörig abblitzt:

Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!

sagt der Weltgeist und verschwindet.

Das sitzt, Faust hat einen Wirkungstreffer einstecken müssen. In „Verzweiflung (…), die mir die Sinne schon zerstören wollte“, erkennt er:  

Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen;
Hab ich die Kraft dich anzuziehn besessen,
So hatt ich dich zu halten keine Kraft.
Ach! die Erscheinung war so riesengroß,
Daß ich mich recht als Zwerg empfinden sollte.

Nachdem der Erdgeist Faust als „Wurm“ bezeichnet hat, sinnt Faust dieser Bezeichnung nach:

Dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwühlt, (…)
Ist es nicht Staub, was diese hohe Wand
Aus hundert Fächern mir verenget?
Der Trödel, der mit tausendfachem Tand
In dieser Mottenwelt mich dränget?
Hier soll ich finden, was mir fehlt?

An dieser Stelle, es ist noch immer die Anfangsszene, verabschiedet sich Faust von der Forschertätigkeit. Es gibt keinen Wunsch mehr nach wissenschaftlicher Erkenntnis, pädagogischem oder medizinischem Fortschritt. Faust selbst erklärt, als er drei Szenen später den Teufelspakt schließt,  daß „sein Busen (…) vom Wissensdrang geheilt“ sei, und resümiert:

Des Denkens Faden ist zerrissen
Mir ekelt lange vor allem Wissen.

Halten wir fest: Ab hier, noch deutlich vorm Teufelspakt, ist Faust kein Wissenschaftler mehr. Die weitere Handlung bis zum Pakt ist bekannt: Faust versucht, noch unterm Eindruck der Weltgeist-Abfuhr, sich umzubringen. Kirchengesänge von draußen stimmen ihn um, mit Wagner unternimmt er den Osterpaziergang, im Zuge dessen Faust ein Pudel zuläuft. Zwischen diesem und Faust waltet gegenseitige Anziehung.


Schwachpunkt 4: Mephisto vorm Pakt

Der Pudel, Mitbringsel vom Osterspaziergang, betritt mit Faust zusammen dessen Studierzimmer. Nun folgt eine für Faust I typische Szene: langer Monolog, doller optischer Effekt, da der Pudel sich in Mephisto verwandelt, langer Dialog. Am Ende folgt abermals optischer Firlefanz: ein Geisterchor tritt auf. Nutzen der langen Szene für die Handlung: Null. Okay, erstes Beschnuppern zwischen Faust und Mephisto können wir notieren.

Faust ist angefixt und würde den Teufel gleich dabehalten. Dieser aber muß dringend nochmal weggehn. Wieso? Hauptsächlich wohl, damit die nette „Der-Teufel-kann-nicht-aus-dem-Haus“-Episode stattfinden kann. Aber auch (die nächste Szene wird‘s zeigen), um sich – Achtung-Achtung! – umzuziehen! Wohlgemerkt, die Verwandlung von Pudel- zu Menschengestalt war auf offener Bühne möglich. Sich vom fahrenden Scholaren zum edlen Junker umzukleiden, dazu muß Mephisto für vierundzwanzig Stunden nach Hause.

Typisch für Faust I ist auch, daß die Beschreibung der Junkerkleidung nicht in einer Szenenanweisung, sondern im gesprochenen Text untergebracht wird. „In rotem, goldverbrämtem Kleide,/ Das Mäntelchen von starrer Seide,/ Die Hahnenfeder auf dem Hut,/ Mit einem langen spitzen Degen“ zählt Mephisto auf, und Theaterleute stöhnen: Wie soll damit umgegangen werden? Stattet man Mephisto genau so aus und läßt ihn die Dinge während des Sprechens vorzeigen, dann wirkt das arg didaktisch. Stattet man ihn anders aus und läßt ihn die Zeilen sprechen, wirkt‘s irritierend. Statten wir ihn also irgendwie aus und lassen ihn unauffällig über die Zeilen hinweghuschen. Eine von nicht wenigen Stellen ist das, wo der Regisseur innerlich auf „Schneller Vorlauf“ drückt. In diesen Mengen gesprochenen Textes, wieviel Ballast gibt‘s da!

Von der Handlungskurve her, worum geht‘s? Den Teufel und seinen Bündnispartner zusammenzuführen, der Teufel unterbreitet sein Angebot, der Partner geht darauf ein. Exakt diese Handlung erzählt Goethe, er braucht dafür zwei sehr lange Szenen. Urteilt, wie ihr wollt! Klar ist, es hätt‘ sich kürzer abfertigen lassen.

Einzuspielen beginnt sich hier, was dieses Drama wohl am stärksten prägt: Die Faust-Mephisto-Dialoge zwischen zwei gleichberechtigten, gleich eloquenten, gleich mäkeligen Partnern. Was hat Goethe mit Faust I geschaffen? Eine Ziemlich-beste-Freunde-Geschichte: Zwei Herren, von denen wir annahmen, daß sie ganz unterschiedlich seien, etablieren sich im Zuge gemeinsamer Unternehmungen, o Wunder!, als funktionierendes Duett.

Weil Mephisto viel redet, wirkt er, Spuk und Zaubertricks zum Trotz, nicht unheimlich. Ein bißchen erinnert das Verhältnis an das Don Juans zu seinem Diener und Kumpel Leporello – wie dieser beschwert sich Mephisto öfter über Allüren seines Herrn, letztlich aber hält man durch Dick und Dünn zusammen.


Schwachpunkt 5: Der Pakt

Eingangs der Paktszene betont Faust, was ihn interessiert. Wie gesagt: Um Wissenschaft geht‘s nun nicht mehr, vielmehr um Fausts private Wünsche, um Lustgewinn – und den Frust über Nichterfüllung:

Ich möchte bittre Tränen weinen,
Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
Nicht einen Wunsch erfüllen wird, nicht einen,
Der selbst die Ahnung jeder Lust
Mit eigensinnigem Krittel mindert –

Jetzt erinnert Mephisto an Fausts abgebrochenen Selbstmordversuch. Daß Mephisto darüber im Bilde ist („allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewußt“), beschämt Faust. Offenbar aus dieser Scham heraus geschieht‘s, daß er einen Universalfluch ausstößt:

Verflucht sei Mammon, wenn mit Schätzen
Er uns zu kühnen Taten regt,
Wenn er zu müßigem Ergetzen
Die Polster uns zurechte legt!
Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben!
Fluch jener höchsten Liebeshuld!
Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben,
Und Fluch vor allen der Geduld!

Nicht nur die christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung, Geduld – auch Mammon, Ruhm, Liebeshuld und Traubensaft werden verflucht. Schlecht für Mephisto: Ein Faust, der weltliche Wünsche so radikal ausradierte, wäre für ihn schwerlich zu ködern. Deshalb sendet er einen Geisterchor („das sind die Kleinen/ von den meinen“), der Faust wieder Lebensmut einhaucht.

Mächtiger
Der Erdensöhne, (…)
Neuen Lebenslauf
Beginne,
Mit hellem Sinne

– merkt ihr, wie Faust auch direkt vorm Pakt starken Schwankungen ausgesetzt ist? Diesen schließt er – ich sage: aus einer seiner kurzfristigen Launen heraus, einer Mischung aus Lebenshunger und Weltverachtung. Was steht nun drin im Vertrag? Das läßt sich gar nicht so leicht aus vielen, teils widersprüchlichen Aussagen der Szene herausdestillieren. Versuchen wir´s. Klar ist die Seite Mephistos:

Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,
Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
Wenn wir uns drüben wiederfinden,
So sollst du mir das gleiche tun.

Darauf läßt sich Faust ein:

Das Drüben kann mich wenig kümmern;
Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,
Die andre mag darnach entstehn.
Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;
Kann ich mich erst von ihnen scheiden,
Dann mag, was will und kann, geschehn.

Kurzfristige Perspektive – klar, der Wissenschaftler Faust ist längst abgetreten – und Weltliebe erkenne ich hier.

Doch hast du Speise, die nicht sättigt, hast
Du rotes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt,
Ein Mädchen, das an meiner Brust
Mit Äugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
Der Ehre schöne Götterlust,
Die, wie ein Meteor, verschwindet?
Zeig mir die Frucht, die fault, eh man sie bricht,
Und Bäume, die sich täglich neu begrünen!
Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
(…)
Kannst du mich mit Genuß betrügen –
Das sei für mich der letzte Tag!

Mephisto gibt zu bedenken:

Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran,
Wo wir was Guts in Ruhe schmausen mögen.

Davon will Faust nichts wissen:

Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,

Mephisto, nach Art eines Notars, ermahnt seinen heißblütigen Partner, sich der Konsequenzen bewußt zu sein:

Bedenk es wohl, wir werden’s nicht vergessen.

Fausts Beweggründe, den Pakt so einzugehen, versteh ich nicht. Dem Hörensagen nach weiß ich von Kneipentouren unter dem Motto „aber in jeder Kneipe nur einen Kurzen und sofort weiter!“ – daran erinnert Fausts Pakt. Etwas Prolliges, Sensationslüsternes, Nicht-zu-Ende-Gedachtes. Von Besonnenheit keine Spur, vielmehr Dummheit, die sich blindlings verrennt. Tatsächlich lacht sich Mephisto anschließend ins Fäustchen:

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft, (…)
So hab ich dich schon unbedingt – (…)
Und hätt er sich auch nicht dem Teufel übergeben,
Er müßte doch zugrunde gehn!

Der berühmte Vertragspassus „sollt ich zum Augenblicke sagen/ verweile doch“ – die Absage an jedes Genießen also, hat offensichtlich auch August Klingemann (von dem weiter unten noch die Rede sein wird) verwundert. Sein Faust formuliert beim Vertragsschluß, in klarer Bezugnahme auf Goethe:

Genießen will ich, glühend heiß genießen,
Und nimmer welken soll mir der Genuß;
Ins Herz des Lebens will ich überfließen,
Berauschen mich an seinem schönsten Kuß;
Doch Dauer sei dem Augenblick gegeben,
Rauscht er hinweg, mag ich ihn nicht durchleben!

Und Nietzsche sagt in seinem berühmten Liebesgedicht:

Denn alle Lust will Ewigkeit,
will tiefe, tiefe Ewigkeit.

Zusammengefaßt: Faust hat einen für seine Seite höchst ungünstigen Vertrag abgeschlossen, finde ich. Mephisto stimmt mir zu.


Schwachpunkt 6: Auerbachs Keller

Lange, kumpelhafte Gespräche zwischen Faust und Mephisto, sie bilden das prägende Charakteristikum des Dramas. Daß die Redeweise beider Hauptfiguren ähnlich ausfällt, diese Tatsache wird von Mephisto scherzhaft exponiert, als er sich in der Schülerszene als Faust ausgibt. Bewiesen wird sie durch Vergleich der „Auerbachs-Keller“-Szene im Urfaust mit dieser Szene im endgültigen Faust-Text: Im Urfaust ist es Faust, der mit den Studenten spricht und Zaubertricks vorführt, im endgültigen Faust I übernimmt Mephisto diese Rolle weitgehend identisch. Kein Ding! Da sich die Redeweisen Fausts und Mephistos generell so gut wie nicht unterscheiden, können beide Figuren den Auerbach-Part übernehmen. Der Figurenwechsel ist möglich, doch ist er nötig? Wieso vollzieht Goethe ihn? Vielleicht erschien es ihm unglaubwürdig, daß Faust zaubern könne. Tatsächlich zeigt Faust nur im Urfaust Zaubertricks, und auch hier nur im „Auerbach“, in Faust I und II keine mehr. Der Faust des „Volksbuchs“ zaubert viel und hält oft Gelage mit Studenten – an solche „Volksbuch“-Szenarien scheint die Auerbach-Szene angelehnt.

Sie hat Berühmtheit erlangt, immerhin bietet sie einigen Spektakel sowie zwei hübsche Liedchen. Ich finde sie problematisch. Einen kleinen Schwachpunkt bildet Fausts und Mephistos Einstieg in die Szene: Mephisto soll auf die Frage nach einem „Herren Hans“ geistreich antworten. Er versucht das, indem er die Keller-Stammgäste als dessen „Vettern“ bezeichnet – was diese Gäste tief beeindruckt („der versteht‘s! / Ein pfiffiger Patron!“), mich nicht. Sagen wir so: Was Mephisto hier als Mega-Knaller von sich gibt, ist nicht wirklich einer. Überhaupt bilden witzige Dialog-Pointen nicht Goethes Paradedisziplin.

Als großen Schwachpunkt seh ich Fausts Rolle. Im Faust-I-“Auerbach“ sagt er genau zwei Sätzchen, eins zu Anfang des gemeinsamen Auftritts mit Mephisto, eins am Ende: „Seid uns gegrüßt, ihr Herrn!“ und „Ich hätte Lust, nun abzufahren.“ Dazwischen, vier Textseiten lang, nichts – was tu ich als Regisseur mit ihm? Sitzt Faust mit am Tisch oder verkrümelt er sich in den Hintergrund? Verfolgt er das ganze amüsiert oder angewidert? Was erzählt die Szene über Fausts „neuen Lebenslauf“?

Wie gesagt: Das Vermögen, zu zaubern wird Faust bei der Umgestaltung des Urfaust zu Faust I entzogen. Doch hat die Szene, die Faust als Zauberer zeigte, Goethe offenbar so gefallen, daß er sie beibehält und nun Mephisto zaubern läßt. Was dieser freilich zuvor im Studierzimmer schon ausgiebig getan hat, kurzum: Für die Handlung bringt „Auerbachs Keller“ nichts, für den Bühnenbildner Arbeit, für den Regisseur Kopfzerbrechen. Um ein aufwendiges Zwischenspiel handelt sich‘s, ein Effektstück, also um eine für Faust I typische Szene.


Schwachpunkt 7: Faust nach dem Pakt


Hauptsächlich besteht die Handlung nach dem Pakt aus der Gretchentragödie. Das heißt, aus einigen Szenen, die dafür sorgen, daß dieses Stück schließlich die Kurve kriegt zur Tragödie hin. Vorher nämlich – Prolog, Schülerszene, Auerbach, ja, noch die Frau-Marthe-Szenen betreffend – hat die Komödie überwogen. Und dieses Vorher stellt keine Kleinigkeit dar: Gut die Hälfte der Dauer von Faust I ist verstrichen, bevor Gretchen erstmals auftaucht.

Der Gretchentragödie eignet ein Hauptproblem: Mit Faust hat sie nichts zu tun. Warum? Weil Faust keine sexuellen Bedürfnisse verspürt. Durchs Aphrodisiakum aus der Hexenküche ließ sich das ändern, allerdings nicht für lange.

Erinnern wir uns an die Listen seiner Wünsche, die Faust vorträgt im Anfangsmonolog, beim Osterspaziergang sowie eingangs der Paktszene: Sex kommt nicht vor. Allenfalls könnten wir ihn bei „Glanz und Herrlichkeit der Welt“ inbegriffen wähnen, doch zeigt gerade die große Flugfantasie des Osterspaziergangs mit ihren „Gefilden hoher Ahnen“, daß Faust alles andere sei als ein unterleibsgesteuerter Mann. Hier unterscheidet er sich drastisch vom Faust des „Volksbuchs“: Dieser schwelgte „im epikurischen Leben (…) und stach ihn seine Aphrodisia Tag und Nacht“.

Wie gesagt: Aufs Aphrodisiakum spricht Faust an. Von ihm aufgeputscht droht er: „Wenn nicht das süße junge Blut/ Heut nacht in meinen Armen ruht,/ So sind wir um Mitternacht geschieden“, wobei er freilich Mephistos wie seine eigene Macht überschätzt: Mephisto – dieser wird das sofort bekennen – kann nicht so schnell handeln; Faust seinerseits könnte sich, nach abgeschlossenem Pakt, nicht einfach von Mephisto trennen. Jedenfalls, die durchs Stimulans erzeugte Geilheit kann Faust nicht ausleben. Die Wirkung der Droge klingt ab, und wir finden Faust in der Wald-und-Höhle-Szene, zunächst allein. Fausts Monolog hier halte ich für eine der stärksten Stellen des Faust I, und verbuche diese Szene trotzdem als Schwachpunkt.

Faust ist glücklich und bedankt sich dafür. Allerdings nicht bei Mephisto, sondern bei jenem Weltgeist, der, in eine Flamme gekleidet, einst im Studierzimmer erschienen war und Faust eine Abfuhr erteilt hatte: „Erhabner Geist, (…)/ Du hast mir nicht umsonst/ Dein Angesicht im Feuer zugewendet.“ Bemerkenswert – da Mephisto gerade mal abwesend ist, geht Faust fremd, verehrt und preist einen anderen Meister.

Über Mephisto spricht Faust verächtlich: „Du gabst (…)/ Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr/ Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,/ Mich vor mir selbst erniedrigt und zu nichts,/ Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.“ Fausts Sicht zufolge also sind es nicht einmal eigenmächtige Leistungen Mephistos, die zuletzt zu erleben waren, sondern Geschenke des Weltgeists – zu welchen auch der schmutzige, aber notwendige Handlanger Mephisto gehöre.

Jedenfalls zeigt sich Faust voll zufrieden: „Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, / Warum ich bat.“ Weil Faust zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit Gretchen geschlafen hat, kann auch diesmal Sex nicht auf der Wunschliste gestanden haben. Ruhige Naturbetrachtung muß enthalten gewesen sein: Ihr frönt Faust soeben mit Genuß.

Ähnlich wie nach seinem Universalfluch kurz vor dem Pakt findet sich Faust auch jetzt im Status der Konsumverweigerung, was Mephisto, nach Art eines Handelsvertreters, nicht dulden kann. Er muß Faust wieder in Bewegung setzen, diesmal in Bewegung zu Gretchens Bett hin. Das tut er durch Überredung, er appelliert an Fausts Mitleid, indem er Gretchens Verliebtheit schildert: „Die Zeit wird ihr erbärmlich lang/ (…) Einmal ist sie munter, meist betrübt, / Einmal recht ausgeweint/ (…) Und immer verliebt.“

Faust wehrt sich dagegen. Die Erinnerung an seine Aufgegeiltheit schreckt ihn ab: „Bring die Begier zu ihrem süßen Leib/ nicht wieder vor die halb verrückten Sinnen!“ Letztlich gibt Faust nach,  er läßt sich verführen, Gretchen zu verführen. Und Mephisto hat bewiesen, daß er‘s verstehe, Faust „meine Straße sacht zu führen“.

Insgesamt muß die Hauptschuld an Gretchens Entjungferung Mephisto zugewiesen werden. Sie ist Mephistos Projekt („hab ich doch meine Freude dran!“), für das Faust sich anwerben läßt. „Wer war‘s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?“ wird Mephisto vor Margaretes Kerker fragen, und ich antworte: Zunächst mal du, Mephisto. Bis hierher, bis zur Liebesnacht, sehe ich Faust als Opfer. Daß er sich anschließend nicht um Margarete kümmert und erst nach ihrer Gefangennahme wieder Kontakt sucht, steht auf einem anderen Blatt.


Schwachpunkt 8: Mephisto nach dem Pakt

Die Gretchengeschichte bis zur Liebesnacht sei Mephistos Projekt, sagte ich. Freilich handelt sich‘s um ein Projekt, bei dem er sich kaum auszeichnen kann. Er hat es auch nur widerwillig angenommen:

Der hexengebräu-erhitzte Faust – „Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,/ Bald Helenen in jedem Weibe“, schildert Mephisto die Wirkung des Elixiers – spricht die mutmaßlich erstbeste Frau an, die ihm begegnet, und verlangt von Mephisto: „Du mußt mir die Dirne schaffen!“ Mephisto ist nicht begeistert: „Sie kam von ihrem Pfaffen/ (…) Über die hab ich keine Gewalt!“ Allerdings hat er sich zu Fausts Diensten verpflichtet, also wird er tätig. Leicht fällt ihm das nicht: „Bedenkt, was gehn und stehen mag“, bittet er um Geduld. Mit Mühe – „o ja, dem Herrn ist alles Kinderspiel“, kritisiert er Fausts Ungeduld – schafft er‘s, zweimal Schuckkästchen herbeizuschaffen. Von der Behendigkeit, mit der er in Auerbachs Keller seinen Hokuspokus präsentierte, ist nichts mehr zu finden.

„Hätt ich nur sieben Stunden Ruh,/ brauchte den Teufel nicht dazu,/ so ein Geschöpfchen zu verführen“, tönt Faust unterm Einfluß der Liebesdroge – möglich, daß diese Selbstbewußtsein mit-einflößte, überdies ist Faust ja jetzt drastisch verjüngt. Doch Verjüngung hin, Droge her – Faust bringt hier ein entscheidendes Problem auf den Punkt: daß eine Frau verführt und geschwängert wurde, das ist auch schon ohne Teufelspakt vorgekommen. Die Gretchenszenen, die überwiegenden Realismus zeigen, legen die Frage nahe: Hat‘s dazu den Pakt gebraucht?

Nehmen wir die Faust-I-Handlung vom Pakt bis zum Ende: Wir finden die Gretchengeschichte sowie, ihr vor- und zwischengeschaltet, drei Ausflugsorte:

Auerbachs Keller
Wald und Höhle
Walpurgisnacht

Auerbach und Blocksberg bieten spektakuläre Szenarien, wie sie ohne Teufelspakt nicht möglich wären. Hier gibt‘s übernatürliche Effekte zu bestaunen. Aber sonst? Vorm Pakt, im stillen Studierzimmer, wird deutlich mehr Zauberei geboten als nach dem Pakt!

Im Volksbuch oder bei Marlowe – was gab‘s da zu erleben: Luftreisen zum Papst und nach Konstantinopel, eine glückliche Sexbeziehung mit der zeitmaschinenmäßig taufrischen Schönen Helena usw. – angenommen, jemand kennt das und fragt einen, der gerade Faust I gelesen hat: Was folgt denn aus dem Teufelspakt? „Der Faust zeugt ein Kind, dann bringt die Mutter das um, dann wird sie verrückt.“ – Aha – große Luftreisen, gab‘s da keine? „Eine nach Leipzig, eine zum Blocksberg.“ Nicht eben viel! Ja, enttäuschend, da doch ein Vertrag der Wunder-Möglichkeiten geschlossen wurde.

Klar, bedeutende Audienzen und Auftritte wird‘s in Faust II geben, doch will ich mich auf Faust I beschränken. In Mephisto – auch wenn er ein untergeordneter Teufel ist – haben wir einen Hexenmeister zur Verfügung. Und der steht, da der Niedergang einer jungen Frau bürgerliches-Trauerspiel-mäßig erzählt wird, eigentlich überqualifiziert daneben. In der gesamten Tragödien-Partie von Faust I wirkt die Jokerfigur Mephisto verschwendet. Ich wiederhole: Die Gretchentragödie erzeugt die Frage: Hat‘s für diesen Dramenschluß diesen Pakt gebraucht?

Eine weitere Frage stellt sich: Hätte der Pakt nicht erlaubt, dass Faust und Gretchen heirateten?
Dem Faust des Volksbuchs wird die Ehe explizit verboten, da er im Pakt versicherte, „Gott und allen Menschen feind zu sein“. Davon ist hier nicht die Rede.

Angenommen, Faust hätte Margarete pro forma geheiratet. Ihr wäre die Schande erspart geblieben, und Faust hätte trotzdem mit Mephisto durch die Welt düsen können – etwa so, wie Marthe Schwerdtleins Gemahl das tut. Oder Margarete reist mit – in einem Zaubermantel, der zwei Herren Platz bietet, ist auch eine zarte Geliebte noch unterzubringen. Dass solche Möglichkeiten nicht angedacht werden, befremdet mich. Paktgemäß ist Faust Chef Mephistos und kann kommandieren, er hätte entsprechende Anordnungen treffen können. Deshalb sehe ich von der Liebesnacht an Faust als den Hauptschuldigen. Womöglich deckt sich das mit Mephistos Sichtweise, wenn er die Verantwortung für Gretchens Unglück von sich weist mit seiner rhetorischen Frage: „Wer war‘s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?“ Womöglich will das sagen: Du hättest sehr viel mehr für sie tun können, Faust! Ich hätte dich nicht gehindert.


Schwachpunkt 9: Fausts Vertragsbrüche


Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,

heißt‘s im Vertrag. Wenige Tage später darf Faust Gretchens Zimmer besichtigen: „Hier möcht ich volle Stunden säumen“, sagt er: Hier möcht ich verweilen! Schon jetzt dürfte Mephisto ihn, Fausts eigenen Worten gemäß, in Fesseln schlagen. Offenbar hat Mephisto Faust soeben nicht hören können. Oder ist er einfach gnädig?

Etwas später, in der „Wald und Höhle“-Szene, bekennt Faust, zwischen den Zuständen Genießen und Begehren hin- und hergeworfen zu werden nach Art einer Flip-Flop-Schaltung: „So tauml‘ ich von Begierde zu Genuß,/ Und im Genuß verschmacht ich nach Begierde.“ Direkt vor diesen Zeilen freilich hat Faust eine ganze Monologseite lang allein dem Genuß gefrönt, ohne Begierde. Weshalb Mephisto, als er dazukommt, Faust immerhin ermahnt:

Wie kann‘s Euch in die Länge freuen?
Es ist wohl gut, daß man‘s einmal probiert;
Dann aber wieder zu was Neuen!

Abermals könnte Mephisto, abmachungsgemäß, Fausts „Totenglocke schallen“ lassen und selbst dienstfrei feiern. Daß Mephisto sich nachsichtig und geduldig zeigt, hat mich sehr verärgert, als ich als Schulbub erstmals Faust I las: Faust kann seinen eigenen Formulierungen zuwiderhandeln, ohne bestraft zu werden!

Durchaus frappiert, wie gnädig der Teufels-Imperiums-Angestellte die Wortbrüche Fausts hinnimmt. Da ich weder Faust noch Marthe noch Gretchen (siehe unten) sympathisch finden kann, erlebe ich Mephisto als einzige freundliche, ja, womöglich sympathischste Person des Dramas. Mal einen ganz anderen Teufel zu präsentieren, der durchaus nette Züge offenbart, hat sicherlich in der Absicht Goethes gelegen. Nur paßt es halt gar nicht zum traditionellen Handlungsbogen, der sich ja letztlich durchsetzt und das komplette Finale von Faust I steuert.

 

Schwachpunkt 10: Margarete

Goethe hatte sich als Geheimrat mit der Thematik Kindstötung durch die Mutter auseinanderzusetzen. Über seine Stellungnahmen ist viel diskutiert worden. Ganz unabhängig davon: Mir wird Margarete durch ihre Kindstötung sehr unsympathisch, und ich notiere, daß mir dieser Akt nicht zu dieser Figur zu passen scheint, aus fünf Gründen. Sie sind rein pragmatischer Natur, und ich urteile aus heutiger Sicht. Immerhin:

1. Margarete ist nicht arm.

Wir könnten uns weit eh’r als andre regen:
Mein Vater hinterließ ein hübsch Vermögen,
Ein Häuschen und ein Gärtchen vor der Stadt.

2. Sie hat versucht, ihr kleines Schwesterchen aufzuziehen und mußte dessen Tod erleben.

Mein Schwesterchen ist tot.
Ich hatte mit dem Kind wohl meine liebe Not;
Doch übernähm ich gern noch einmal alle Plage,
So lieb war mir das Kind.
(…)
Ich zog es auf, und herzlich liebt es mich.
Es war nach meines Vaters Tod geboren.
Die Mutter gaben wir verloren,
So elend wie sie damals lag, (…)
Und so erzog ich’s ganz allein,
Mit Milch und Wasser, so ward’s mein
Auf meinem Arm, in meinem Schoß
War’s freundlich, zappelte, ward groß. 

Einer mag argumentieren: Da Gretchen die Erfahrung eines Kindstodes bereits vertraut war, liege die Hemmschwelle, das eigene Kind zu töten, niedriger. Ich bin nicht vom Fach, ich meinerseits gewinne den Eindruck einer kinderliebenden Frau, die den unehelichen Säugling durchaus hätte aufziehen können. 

3. Eine Schicksalsgenossin wohnt um die Ecke. Am Anfang der „Brunnen“-Szene berichtet Lieschen vom Bärbelchen, das ungewollt schwanger wurde: „sie füttert zwei, wenn sie nun ißt und trinkt.“ Margarete zeigt Anteilnahme: „Das arme Ding!“ Das heißt, in ihrer Klemme steckt sie nicht allein, könnte sofort eine Selbsthilfegruppe gründen. 

Wie konnt ich sonst so tapfer schmälen,
Wenn tät ein armes Mägdlein fehlen!
Wie konnt ich über andrer Sünden
Nicht Worte gnug der Zunge finden (…)
Und segnet mich und tat so groß,
Und bin nun selbst der Sünde bloß!

4. Ganz nüchtern betrachtet: Margaretes Haupt-Ankläger, ihr Bruder, ist tot.

5. Der wichtigste Punkt: Margarete ist gläubig.

 

Klingemanns Faust

„Die Herrlichkeiten des Götheschen Faust sind anerkannt, aber Göthe’s Gedicht (…) ist nie für die Bühne bestimmt worden“, schreibt August Klingemann 1815 in einer „Vorerinnerung“, die er seinem eigenen Faust-Drama beifügt. Tatsächlich war Goethes Faust, sieben Jahre vorher veröffentlicht, bis dahin noch nie zur Aufführung gekommen. Klingemann selbst wird vierzehn Jahre später die Erstaufführung von Faust I realisieren – Goethes Drama hat diesen Braunschweiger Romantiker (1777-1831) offenbar nicht losgelassen.

Klingemanns eigener „Faust“ erscheint in seiner simplen Schwarz-Weiss-Malerei von Bibeltreue und bösem Teufelspakt samt begleitendem Theaterdonner unerträglich, und als selbständiges Werk keiner Betrachtung wert. Als Kommentar zu Goethes Faust gelesen, liefert es freilich interessante Aufschlüsse. Ich betrachte es als Sammlung von Goethe-Korrekturen: Details Goethes finden sich abgewandelt, Elemente, die Klingemann offenbar bei Goethe vermisste, eingebaut. Daß Klingemanns Formulierung beim Teufelspakt geradewegs das Gegenteil zur Goetheschen bildet, hab´ ich schon angemerkt. Auch wird bei Klingemann Fausts Motivation, den Pakt zu schliessen, gleich eingangs klar umrissen: Faust beklagt Geldprobleme und mangelnde Anerkennung. Er hat den Buchdruck erfunden und scheitert mit der Vermarktung: „Hier hast du meine letzten Kupferdreier, (…) Die Wissenschaft betrog mich um den Preis, (…) Die Kunst macht mich zum Bettler,/ Und was ich für die Nachwelt kühn errungen,/ Zahlt mir den Lohn voraus im Hungertode!“

Die Figur Wagners kommt hier viel besser weg als bei Goethe, Klingemanns Wagner erscheint als geschätzter Freund sowie als Muster von Güte und Loyalität. Auch hier verabschiedet sich Faust von wissenschaftlicher Arbeit, er rät Wagner: „Frisch auf mein Freund, und trenne dich vom Wissen“. An der studentischen Kneipenrunde nimmt Faust zusammen mit Wagner teil, kein Angestellter des Teufelsimperiums ist im Raum. Ein Student erzählt Faust-Geschichten, die dem „Volksbuch“ entlehnt sind, und zum Szenenschluß zeigt Faust einen effektvollen Zaubertrick. Klingemann bewegt sich da näher am „Volksbuch“ als Goethe.

Vor allem unterscheidet sich Klingemanns Teufelsfigur stark vom Mephisto Goethes. Sie heißt schlicht „der Fremde“ und tritt zunächst pantomimisch auf, um sich erst allmählich etwas gesprächiger zu zeigen. Ihre Anwesenheit bleibt sporadisch, sie wird kein Kumpel Fausts. Erst in der Schlußszene offenbart „der Fremde“ seine Identität. Und während Goethes Faust auf Mephisto herabblickt, verhält sich‘s bei Klingemann umgekehrt: „Gewürm des Staubes! (…) Du bist zu klein für mich!“ äußert Klingemanns Teufel verächtlich. Insgesamt, scheint mir, zeigt sich Goethes Mephisto für Klingemanns Geschmack zu wortreich und zu wenig rätselhaft.

Tatsächlich betont Klingemann selbst sein Bestreben, das „Geheimnißvolle und Schauerliche in meine Darstellung zu übertragen, das vor der Aufklärung anderer Dichter dieses Stoffes daraus entflohen ist.“ Was an einen lapidaren Satz erinnert, der sich in Ödön von Horvaths „Gebrauchsanweisung“ für die Aufführung von Horvaths eigenen Stücken findet: „Das Unheimliche muß da sein.“

 

Was ich stark finde in Faust I


1. Walpurgisnacht

Ich bin Goethe-Verehrer. Diesem Autor erlaube ich etwas, was ich kaum einem sonst zubillige: traumwandlerisches, ja, prophetisches Dichten. Goethe darf Zeilen schreiben, von denen er selbst nur ahnt, was sie bedeuten. Er darf beim Ergänzen von Zeilen auf seinen Instinkt vertrauen, ja, bisweilen geradewegs auf Autopilot dichten, darf die Sprache selbst sich Verse suchen lassen. Goethe wird damit meist richtig landen.

„Das Unzulängliche/ Hier wird‘s Ereignis“, heißt es am Ende von Faust II, was hat dieses Sätzlein zu bedeuten? So gut wie nichts – Goethe braucht Reime auf die wichtigen Zeilen „alles Vergängliche/ Ist nur ein Gleichnis“, und was sonst hätt‘ er reimen können? „Das zitternd Bängliche“ – furchtbar. „bedränglich“, „vermenglich“ – das sind keine realen Wörter. „unverfänglich“- dieses Wort war sicher noch nicht gebräuchlich, überdies wär „Das Unverfängliche“ nicht so gut wie „das Unzulängliche“ es ist. Das paßt schön zum Vergänglichen: Alles Irdische ist sowieso nicht perfekt, in die religiöse Feierlichkeit dieser Schlußzeilen fügt dieses Wort sich gut ein. Vom Standpunkt des Praktikers aus sag‘ ich: Mit sicherem Gespür hat Goethe zwei Zeilen gefunden, die 1. reimen und 2. keinen Schaden anrichten.

Immer wieder in Faust I gibt‘s Verse, die von Geistern oder Hexen vorgetragen werden. Fast immer sind sie leicht zu erkennen an ihren sehr kurzen Reimzeilen. Tatsächlich zeigen Zaubersprüche oft diese reimreiche Kurzzeilen-Form, nachvollziehbaren Sinn brauchen sie nicht zu bieten (im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ finde ich neben dem bekannten „Abrakadabra“ Zaubersprüche wie „Gibel got Gabel“, „Hax pax max“, „Habere dabere sachere“, „Hiob im Mist rief zu Christ“). Oder, wie Mephisto in der Hexenküche die gereimten Sprüchlein der Hexe kommentiert: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,/ Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen“, und „ein vollkommner Widerspruch/ Bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Toren.“ Von derlei Versen, die hübsch tönen, sich als kluge Merksätze kostümieren und dabei bestenfalls fragwürdigen Sinngehalt aufweisen, wimmelt jene Szene, die ich als zweitstärkste in Faust I ansehe – die „Walpurgisnacht“:

Wir nehmen das nicht so genau,
Mit tausend Schritten macht’s die Frau;
Doch wie sie sich auch eilen kann,
Mit einem Sprunge macht’s der Mann.

Zwei Zeilen eingangs der Szene können als Motto gelten:

Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll
So müßt Ihr’s so genau nicht nehmen.

Experten haben in der Walpurgis-Szene Anspielungen auf Personen aus dem zeitgenössischen Umfeld Goethes ausmachen können. Meinetwegen! Mich fasziniert diese Nacht ohnedies: Ein Reigen bizarrer, einprägsamer Figuren, die meist nur einmal auftreten, ihr Sprüchlein sagen und verschwunden sind. Oder gar nicht auftreten, bloß aus dem Off ihre Stimme ertönen lassen:

Stimme (von unten): Halte! Halte!
Stimme (oben): Wer ruft da aus der Felsenspalte?
Stimme (von unten): Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!
Ich steige schon dreihundert Jahr,
Und kann den Gipfel nicht erreichen.
Ich wäre gern bei meinesgleichen

– fertig, aus, die beiden Stimmen werden nie wieder auftauchen. So einen Reigen der Einmal-Stimmen hatte Goethe schon im „Jahrmarktsfest zu Plundersweiler“ versammelt, dort umfaßte er keine Geister, sondern Alltagsfiguren.

Zunehmend wünsche ich mir Theater generell dergestalt: Als Kabinett bizarrer Figuren, als Variéte, auf Handlung darf gern verzichtet werden. Mir heutigem Besucher stehen die Alternativen Kino und Fotoausstellung zur Verfügung, die primär und selbstverständlich Realismus erzeugen – damit sie surreal wirken, muß bei Film oder Foto Aufwand betrieben werden. Umgekehrt beim Theater: Im kleinsten Kasperlspiel sorgt der Zauberer für Wundereffekte, Surrealismus ist auf der Theaterbühne zuhaus – um realistisch zu wirken, braucht sie Extra-Aufwand. Sommernachtsträume und Walpurgisnächte, hier sehe ich Theater in seinem Ur-Element.

Abgesehen von dieser meiner Privat-Vorliebe: Zu ihrem Beginn beeindruckt die Szene mit prima Landschaftsschilderungen durch Personifizierungen:

Sieh die Bäume hinter Bäumen,
Wie sie schnell vorüberrücken,
Und die Klippen, die sich bücken,
Und die langen Felsennasen,
Wie sie schnarchen, wie sie blasen!

Aber sag mir, ob wir stehen
Oder ob wir weitergehen?
Alles, alles scheint zu drehen,
Fels und Bäume, die Gesichter
Schneiden, und die irren Lichter,
Die sich mehren, die sich blähen.

Hier zeigt sich Goethe in Form.


2. Geistergesänge und Reimloses

Viel geschrieben worden ist über die vierhebigen, metrisch legeren Reimverse, in denen weite Passagen von Faust I gestaltet sind. Ich mag sie nicht, mir erscheinen sie klapperig. Nebenbei bemerken will ich, daß Goethe nicht selten spontan einen kürzeren Vers einflicht (was mir dann gefällt).

Loben dagegen will ich alle Stellen, wo Goethe von diesem Vers abwechselt.

Das heißt: einerseits die kurzzeiligen Geistergesänge und Zaubersprüche, andererseits die reimlosen Stellen. Wobei letztere sich an zwei Orten im Drama finden. Einerseits in Gestalt eines längeren Faust-Monologs eingangs der „Wald und Höhle“-Szene (den ich, wie gesagt, für die sprachlich stärkste Passage des gesamten Faust I halte). Zweitens ausgangs des Dramas, wo es um den Kerker und die Errettung Margaretes aus diesem geht. Grundsätzlich meine ich, daß Goethe überall da mehr Sorgfalt auf die Sprache verwende, wo er den Trott der üblichen Faust-I-Verse verlassen habe.


3. Vorspiel auf dem Theater

„Man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten“, sagt Goethe übers Streichquartett. Goethes Vorspiel kommt mit drei vernünftigen Leuten aus. Von ihrem Gedankenaustausch profitiere ich seit langem.


4. Meine Lieblingsszene

Die vorletzte Szene von Faust I ist sechs Zeilen kurz. Endlich mal fassen sich Faust und Mephisto im Dialog kurz.

Faust: Was weben die dort um den Rabenstein?
Mephistopheles: Weiß nicht, was sie kochen und schaffen.
Faust: Schweben auf, schweben ab, neigen sich, beugen sich.
Mephistopheles: Eine Hexenzunft.
Faust: Sie streuen und weihen.
Mephistopheles: Vorbei! Vorbei!

Das klingt! Delacroix hat dieser Petitesse eine Illustration spendiert. Ich wünschte Faust I mehr solcher musikalischen Verse.


Schluß

Ich habe Faust I ein Lieblingsstück des Deutschunterrichts genannt, und bezeichnenderweise sind es just Fausts und Mephistos Schimpfreden gegen Wissenschaft und Unterricht (im Anfangsmonolog bzw. in der Schüler-Szene), die der klassischen Schulbildung am meisten Zitate lieferten. Vom heutigen Studienrat weiß das Klischee, daß er sich auf unspießig und unetabliert trimme und die Attitüde des Schulmeisterlichen vermeide. Der Charakter der berühmtesten Faust-Zitate beweist, daß sich bereits die alten Pauker mit einer Vorliebe für Bildungskritik schmückten. Während etwa jenes Statement Mephistos, in welchem er „Vernunft und Wissenschaft“ als „des Menschen allerhöchste Kraft“ bezeichnet, keine Bekanntheit erlangte.

Spöttischer und geiselnder Tonfall also, Ruhm erlangt hat Faust I besonders mit diesem Element. Welches freilich für eine Handlung, die Kontakt zu höheren Mächten schildert, nicht wesentlich sein kann. Daß sich‘s um eine Tragödie mit humoristischen Passagen handelt, kann ich anerkennen, die ungewöhnliche Vielfalt des sprachlichen Ausdrucks erhält meinen Beifall. Aber sie ergibt kein gut proportioniertes Kunstwerk. Gerade Faust I entfernt sich weit von der Überlieferung des „Volksbuchs“, die Tradition wurde gründlich abgeschüttelt. Zugunsten eines überzeugenden Neuen? Eben nicht: Ich sehe keine schlüssige Gestaltungsidee. Sondern – mit ausufernden Reden eingangs und geraffter, überwiegend realistischer Handlung am Ende – eine unorganische Szenensammlung, die mich nicht verlocken, schon gar nicht begeistern kann.

Daß Goethe über einen Teufelpakt schreibe, ist nicht meine Idee gewesen, sondern seine. Seine Faszination für dieses Thema kann ich bei der Lektüre von Faust II bisweilen nachvollziehen, bei Faust I gar nicht. Und schlimmer noch: Bei aller Textfülle der beiden Faustdramen kann ich Goethe nicht als Fachmann für Teufelsfragen anerkennen.

Tatsächlich, einem daran Interessierten hat Goethe nichts mitzuteilen. Angenommen, ein junger Mensch erzählt von Kontakten zur Satanismus-Szene, von Angeboten auf entsprechenden Homepages – und fragt uns nach einem Lesetipp. Käme Faust I in Frage? Wohl kaum. Thema verfehlt!