Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

So müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

Und hinter tausend Stäben keine Welt.



Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

Der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

Ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

In der betäubt ein grosser Wille steht.



Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

Sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,

Geht durch der Glieder angespannte Stille -

Und hört im Herzen auf zu sein.

Einer behauptet, einen Witz zu erzählen. Doch kann ich, was dann erzählt wird, überhaupt nicht witzig finden. Klar, das gibt´s, das kennt jeder. Und manchmal entpuppt sich, was als Witz angekündigt wurde, als geradezu rührende Geschichte.

In meiner Jugend hab ich so einen angeblichen Witz gehört: Der Blinde fragt den Sehenden: Wie sieht Milch aus? Der Sehende: Milch, das ist eine weiße Flüssigkeit. Der Blinde: Aha, und wie sieht Weiß aus? – Weiß, das ist so wie ein Schwan. – Und wie sieht ein Schwan aus? – Ein Schwan, das ist ein Vogel mit einem gebogenen Hals. – Und gebogen, was ist das? – Der Sehende krümmt seinen Arm und sagt: Hier, fühl mal. Das ist gebogen. – Der Blinde ertastet den gebogenen Arm und sagt: Vielen Dank! Jetzt weiß ich, wie Milch aussieht!

Wurde mir als angeblicher Witz erzählt, ist nicht witzig, aber eine rührende Geschichte. Wie dankbar dieser Blinde ist! Und wieviel Mühe der Sehende sich gibt – eigentlich handelt sich´s bei ihm um einen Dichter: Er bemüht sich, wie Dichter das tun, um Anschaulichkeit. Und er benutzt dazu, wie Dichter das tun, Vergleiche: „Weiß, das ist wie ein Schwan“, „gebogen, das ist wie mein Arm.“ Sicher werden wir diese Bilderbastelei in der Summe zu verstiegen finden und letztlich mißglückt. Aber um dies Geschichtlein als Witz aufzufassen, müßte ich mich ausschütten können vor Lachen über die beiden: Wie blöd sind die! Zu glauben, daß diese Vergleiche auch nur eine Spur von Erklärung schaffen könnten!!
Stattdessen empfinde ich Mitleid. Ich kenne das: Oft ist mir selbst ein Versuch, mich deutlich auszudrücken, mißlungen.

In derselben Weise rührt mich die zweite Strofe von Rilkes Gedicht vom Panther. Welche Verschwendung gutgemeinter Erklärungsenergie!

„Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.“

Die erste Strofenhälfte ist Beschreibung: Da werden drei Substantive mit insgesamt vier Adjektiven bestückt: weicher Gang, geschmeidig starke Schritte, allerkleinster Kreis – – das ist, legen wir die traditionellen Kriterien guten Stils an, grenzwertig. Adjektivitis, wird dieses Wort noch verwendet? Gleichwohl, ich lasse diese Stelle so durchgehen. Denn: Was hochmotiviertes Bemühen um Beschreibung hier abliefert, ist, wenn auch kein Glanzstück, doch immerhin Beschreibung: Starke Schritte, die sich im Allerkleinsten nicht ausleben können, dabei aber weich bleiben.

Nur, daß sich Rilke nicht zufriedengibt! Er meint, das Ganze weiter verdeutlichen zu müssen, durch einen Vergleich:

„ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.“

Da haben wir zwei abstrakte Begriffe: Kraft und Wille, und denen werden Attribute, die von Lebewesen herstammen, zugeteilt: „Tanz“ und „betäubt“. Ich kann mir, wenn ich mein Fantasiebastelvermögen und meine politische Unkorrektheit zusammennehme, folgendes Szenario vorstellen: Kannibalen haben den Häuptling Großer Willi gefangengenommen und betäubt, und führen nun einen Triumphtanz drumherum auf. Das wäre einen Tanz um eine Mitte, in der betäubt ein Großer Willi steht. Das könnte ich sogar auf Papier malen. Aber daß es nicht Großer Willi ist, der betäubt wurde, sondern „großer Wille“, daß es nicht Kerle sind, die drumrumtanzen, sondern „Kraft“ – tatsächlich, das übersteigt mein Ausmalvermögen.

Anders als der Blinde aus dem Witz sage ich hier nicht: Super, danke, jetzt kann ich´s mir vorstellen. Keineswegs, ich gehe sogar noch weiter und behaupte: Rilke liefert hier ein Schulbeispiel des Wie-mach-ich´s-nicht, ein Muster der Falschverwendung einer Metapher. Das will ich erläutern.

Das griechische Wort „Metaphor“ bedeutet zunächst einfach „Transport“, oder „Übertragung“, „Ortsveränderung“. Im Deutschen verwenden wir auch eine Übersetzung dieses Begriffs: In der Redewendung „das meine ich im übertragenen Sinn“. Das poetische Bild, der Vergleich, warum heißen sie „Transport“? Offenbar deswegen, weil sie eine Verbindung herstellen. Sag´ ich beispielsweise: „Der Zeigefinger des Kirchturms“, dann schafft diese Metapher eine Verbindung zwischen Finger und Turm. Der Kirchturm steht da hinten – indem ich ihn Zeigefinger nenne, transportiere ich ihn hierher und mach´ ihn zum Teil meines Körpers. So gehört sich das für eine Metapher: Etwas weniger Vertrautes bringt sie durch den Vergleich mit etwas Vertrautem näher.

Die Straße zwischen Turm und Körper kann auch in umgekehrter Richtung benutzt werden, wenn jemandem ein eigener Körperteil nicht vertraut ist – vielleicht ist kein Spiegel zur Hand -, der Turm aber vertraut ist. „Wie sieht eigentlich meine Nase aus?“, fragt eine Frau ihren Geliebten. Der antwortet: Da auf dem Libanon, siehst du den Turm da? Nein, nicht den Richtung Beirut, sondern den Richtung Damaskus. So wie der, so sieht deine Nase aus. – Diese Geschichte steht in der Bibel, genauer gesagt: Ihr Schlußsatz. Der Sänger des Hohen Liedes sagt: „Deine Nase ist wie der Turm auf dem Libanon, der gen Damaskus sieht“.

Auch hier gilt: Etwas Sichtbares, Anschauliches hilft, mir etwas näherzubringen, was weniger sichtbar ist. Auch wenn das weniger Vertraute mitten im Gesicht sitzt und das Vertrautere, der Turm, weit weg steht – der Vergleich leistet Erläuterung, Erklärung.

Bei Rilke umgekehrt: Die Beschreibung der geschmeidig starken Schritte im allerkleinsten Kreis, sie war nachvollziehbar. Nun wird sie verglichen mit etwas ganz Abstraktem, dem betäubten Willi-Willen – und dadurch verunklart.

Solches Verunklaren durch Bilder stellt eine eigene literarische Disziplin dar. Manchmal ist vom Dichter Verhüllung gefordert. Jedenfalls begegne ich immer wieder der Vorstellung vom poetischen Chiffrensystem, das in Staaten mit strengen Zensurbehörden nötig sei: Hier verständige sich der Autor mit seinem Leser in einer verschlüsselten Geheimsprache, und der dumme Zensor durchschaue sie nicht. „Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten“, spottet Karl Kraus. In der DDR etwa habe, so höre ich, ein Chiffrencode zwischen Lyriker und Leser vermittelt. Was ich ehrlich gesagt für einen Mythos halte. Zumindest ist mir keine Dechiffriertabelle zu Gesicht gekommen.

Und die berühmteste Quelle für poetische Vergleiche, die Bibel? Sie verwendet Gleichnisse nicht nur in pädagogischer Absicht, sondern auch in sozusagen abschirmender. Gott selbst spricht im 4.Buch Mose: “Ist jemand unter euch ein Prophet des HERRN, dem will ich mich kundmachen in einem Gesicht oder will mit ihm reden in einem Traum. Aber nicht also mein Knecht Mose, (…). Mündlich rede ich mit ihm, (…) nicht durch dunkle Worte oder Gleichnisse.“ Gleichnisse gehören hier zu einer absichtlich verdunkelnden Sprechweise, die direkte Kommunikation kommt ohne sie aus. In ähnlichem Sinn sagt Jesus im Johannesevangelium zu seinen Jüngern:
“Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.” Vorerst kann Gott noch nicht direkt begegnet werden. Er verhüllt sich – mal in einer Wolke, mal in Bildern und Gleichnissen.

Nun sind aber die Beobachtungen eines Dichters keine Gotteserscheinung. Sie sollen nicht verhüllt dargestellt werden, sondern deutlich. Ich bin Gedichteleser, was heißt das? Daß ich schlicht Konsument bin: Ich will was erfahren, was sehen.

Und freue mich, gleich eingangs des Gedichts etwas zu erfahren:
„Der Panther“, Untertitel: „Im Jardin des Plantes, Paris“.

Interessant! Ich war nie im Jardin des Plantes, ich wußte nicht, daß es dort einen Panther gegeben hat. Schade nur, daß hier das Gedicht für mich zuende ist. Von hier ab erfahre ich überhaupt nichts mehr. Sondern finde nur noch Versuche, Anschauungen, die ich bereits besitze, zu verunklaren.

Und nun muß ich ein ernstes Wort mit dem jungen Rilke reden. Hör mal, du bist als Beobachter total übermotiviert! Du hast Hummeln im Hintern, du verläßt deinen Platz, den zu am Gedichtanfang einnimmst, sofort! Wieso nur? So kann keine scharfe Bobachtung zustandekommen.

Nehmen wir das zweite hochberühmte Rilke-Gedicht.
„Herbsttag“, steht drüber, und es beginnt als Gebet. „Herr, es ist Zeit“, dieser kurze Satz
gibt Auskunft über die Gegenwart: Ein Zeitpunkt des Abschlusses und der Wandlung scheint erreicht. Aber hier ist das Gedicht zuende!

Jedenfalls was den Herbsttag, den gegenwärtigen und in der Überschrift angekündigten, angeht. Von ihm erfahren wir nichts mehr. Zunächst folgt ein Rückblick: „Der Sommer war sehr groß“ –

und von hier an gibt´s nur noch Vorausblick. Zunächst in Form von Aufforderungen an den angeredeten, an Gott: „Leg deine Schatten auf die Sonnenuhren (…) und jage die letzte Süße in den schweren Wein.“
und dann im Futur:
„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr …“
Aha, ich sehe zukünftige Herbsttage, ich seh einen vergangenen großen Sommer – angekündigt aber war ein Herbsttag! Nix mehr gibt´s von dem, weil unser Hummeln-im-Hintern-Beobachter sich in Vergangenheit und Zukunft gestürzt hat.

Ungeduldiger noch ist der Panther-Bedichter. Er schreibt Panther, Paris, Pflanzengarten – Überschrift und Unterüberschrift also -, und schon, das Gedicht hat noch nicht begonnen! – verläßt er den Beobachterplatz. Um innen in den Panther hineinzukriechen und rauszugucken. Hier hebt er an und berichtet vom „Vorübergehn der Stäbe“. Vorübergehn tun die Stäbe ja nicht für den Betrachter draußen, sondern nur aus der Perspektive des umhertigernden Panthers.

Auch des Panthers Wahrnehmungstrübung diagnostiziert Rilke mit augenarztmäßiger Schärfe: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe,/ und hinter tausend Stäben keine Welt.“

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Ich halte diese erste Strofe für die am wenigsten mißglückte des Gedichts. Sie ist auch die einprägsamste und bekannteste, und das ist kein Zufall. Einfach gesagt: Sie klingt gut, zeigt kultivierten, ungekünstelten Satzbau, sie vermittelt ein Gefühl „Ja, so geht Deutsch“. Und das ist schon was! Eine Rilke-Spezialität übrigens stellt der Irrealis-Konjunktiv-2, dieses „ihm ist, als ob“, dar – der hier durch den Binnenreim „Stäbe-gäbe“ noch stark betont wird: Solche „Als-wäre“-„als-hätte“-„als-könnte“-Konstruktionen bringt der Lyriker Rilke gern.

Die dritte Strofe dagegen ist schwach.

„Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.“

Erstmal, Freundchen: kann der Vorhang der Pupille sich nicht manchmal aufschieben: weil Panthers Augen grundsätzlich nicht geschlossen sind, sondern offen – in der Stäbe-Gäbe-Strofe hast du ja vom Blick des Panthers berichtet. Und dann: Offenbar stehst du in Strofe 2 und 3 wieder draußen vor dem Panther, doch in Strofe 1 warst du drinnen in ihm. Dann kannst du wissen, daß der Sehnerv des Tiers ins Gehirn mündet, und nicht, nach Umweg durch die Glieder, im Herz. Und schließlich: Wieso mußt du erwähnen, daß die Pupille sich „lautlos“ schiebt? Ist dir, als ob sich Pupillen gewöhnlich, ungeölten Fabriktoren gleich, unter Lärm verschöben?

Was sagen sie eigentlich, erste und dritte Strofe? Eigentlich beide dasselbe. Dies: Der kuckt mich zwar an, aber irgendwie nicht so richtig. Enttäuschend.

Aber eben das wußt´ ich doch! Einen Panther im Käfig zu sehen, ist enttäuschend – ein Raubtier antreffen will ich, und find ein Bündel von Hospitalismus. Nichts Neues! Rilkes Gedicht bewirkt, etwas, was mir eh klar gewesen ist, nicht mehr ganz so klar erscheinen zu lassen – sondern, wegen verwinkelter Perspektiven und aufwendiger Formulierungen, verbrämt. Sowas kenne ich aus Weihnachtspredigten: Wo das bekannte Gott-ist-sich-nicht-zu-schade-dafür-Menschengestalt-anzunehmen-und-sogar-als-kleines-Kindlein-zur-Welt-zu-kommen-und-zwar-nicht-in-reichen-Palästen-sondern-in-einem-armen-Kripplein, wo das noch einmal in etwas anderen Worten, in stark verlängernder und verunklarender Form gesagt wird, damit diese Stelle des Gottediensts irgendwie verfüllt ist. Beim Panthergedicht will ich Rilke fortwährend zurufen: „Schon klar, Bruder! Is logisch, Bruder, mach weiter!“

Der Fußballtrainer Udo Lattek sagte: „Im Kölner Stadion ist immer so eine super Stimmung, da stört eigentlich nur die Mannschaft.“ Analog gilt hier: Mir eine eingesperrte Raubkatze vorzustellen, regt meine Fantasie dermaßen an – da stören eigentlich nur Rilkes Zeilen. Denn ehrlich: In diesem Fall helfen sie meinem Vorstellungsvermögen nicht auf die Sprünge. Vielmehr beschränken sie´s, sodaß es eingegrenzt im Kreise tapern muß.

Freilich kann Rilke es besser. In einem Gedicht seiner reifen Jahre, der Achten Duineser Elegie, geht es um Tiere allgemein, und um bestimmte Tiergattungen. Angesichts der fliegenden Säugetiere und ihrer ruckhaften Flugweise heißt es da:

„Wie vor sich selbst
erschreckt, durchzuckts die Luft, wie wenn ein Sprung
durch eine Tasse geht. So reißt die Spur
der Fledermaus durchs Porzellan des Abends.“

Hier findet sich die Metapher schulmäßig verwendet: Der Sprung in einer Porzellantasse ist mir näher vertraut als das fliegende Nachttier. Diese Rilkestelle ist einprägsam – sooft ich eine Fledermaus sehe, fällt mir unwillkürlich der Sprung im Porzellan ein. Mag das Gedicht drumherum gegenüber dem „Panther“ als schwerer zugänglich erscheinen – bei den Duineser Elegien handelt sich´s um reimlose Langgedichte in einem fürs frühe 20. Jahrhundert bezeichnenden, etwas hochtrabenden Ton. Doch Anschaulichkeit bietet diese Stelle jedenfalls. Sie hilft mir, genauer zu sehen.

Anders das Panthergedicht. Eigentlich will ich es gar nicht als Gedicht bezeichnen, sondern als Fest- oder Gedenkrede. Zu einem gegebenen Anlaß, dessen begleitende Emotionen ohnehin gegeben sind, werden zierende und dekorierende Worte gefunden. Und mit Verlaub – – als jemand, der einen Gutteil der Freuden und Genüsse, die er in seinem Leben erfahren hat, durch Gedichte erfahren hat, darf ich das sagen: Darin besteht nicht die Hauptaufgabe von Lyrik.