Meine Eltern besitzen kein Auto. Andere Jugendliche haben sonntagmorgens auf einem Parkplatz mit Vater ein bißchen Fahren geübt – ich nicht.

Also hab ich Bammel vor meiner ersten Fahrstunde, speziell vorm Betätigen der Kupplung. Mein Freund, der autofahren kann, und zudem, wie ich, Klavier spielt, beruhigt mich: „Kupplung, das ist wie piano spielen.“ Und ich ahne, was gemeint sei: daß etwas Gefühl für die richtige Dosierung aufzubringen sei, Gespür für einen Zwischenzustand zwischen Ganz und Garnicht.

Das ist 35 Jahre her. Fragt mich heute jemand: Ein poetisches Bild, eine Metapher – wie wird die schulmäßig verwendet? Dann nenn ich sofort mein Musterbeispiel: „Kupplung, das ist wie piano spielen“. So geht das.

Etwas, was ich nicht kenne – Betätigen der Kupplung -, wird abgebildet durch etwas, was ich kenne – Leisespielen am Klavier. Etwas, was entfernt ist von mir, wird mir nähergebracht. Das ist Wesen und Zweck der Metapher.

In Athen heißen Öffentliche Verkehrsmittel „Metaphorai“. Denn meta-phorein bedeutet „etwas vom einen zum anderen Ort tragen“, „etwas transportieren“. Insofern ist das Wort Metapher mit dem Wort Reportage verschwägert: auch hier wird portiert. Der Reporter ist dem Wortsinne nach Zurückträger: Einer, der etwas wieder zum Ausgangspunkt hinbringt, wie der Hund das Stöckchen. Unserem heutigen Wortgebrauch zufolge soll der Reporter nichts zum Ausgangspunkt zurückbringen, sondern, genau wie die schulmäßige Metapher, zum Leser Dinge hinbringen, die für diesen neu und unerhört sind.

Bernardo Bertolucci durfte für seinen Film „Der letzte Kaiser“ exclusiv in der Verbotenen Stadt in Peking drehen. Dann hat er die Aufnahmen ins Kino getragen, zu lauter Leuten hin, die nicht in die Verbotene Stadt reindurften: eine Metapher im ursprünglichen Wortsinn.

Ähnlich verfährt der Sänger des Hohen Liedes im Alten Testament: Exclusiv darf er den Körper seiner Geliebten besuchen, und berichtet dann den Lesern, denen dieser Besuch nicht erlaubt ist. Wobei er, um den Reportagecharakter zu vertuschen, die Form einer Anrede der Geliebten wählt, als schreibe er einen Liebesbrief. Das ist, wie gesagt, nur Vertuschung. Tatsächlich richtet sich das Gedicht an viele Leser, die sich an der Schönheit der Liebsten miterfreuen sollen. Deshalb wird diese Schönheit durch konkrete Bilder illustriert: „Deine Augen sind wie die Teiche zu Hesbon am Tor Bathrabbims“ – aaah, verstehe! Wie d i e s e Teiche, nicht wie die Teiche am Tor Bileams! Gut zu wissen!

„Deine Nase ist wie der Turm auf dem Libanon, der gen Damaskus sieht.“ Ah, und nicht so wie der Turm, der gen Askalon sieht. Interessant!

Andere Bilder gibt´s, die sind nicht so konkret, sondern – ich nenne sie „bastelkonkret“. Das heißt, da muß ich mir aus konkreten Komponenten etwas Phantastisches zusammenbasteln. Aber so einfach, daß auch ich, der ich nicht zu den großen Fantasten zähle, es schaffe. Fantasiebasteln für Anfänger:
„Dein Leib ist wie ein Weizenhaufen, umsteckt mit Rosen.“ Den hab ich so noch nirgends gesehen. Aber einen Weizenhaufen kenn ich, Rosen kenn ich auch, also bastel ich mir das zusammen. „Deine zwei Brüste sind wie zwei Rehzwillinge.“ Ich könnte beim Anblick zweier Rehe gar nicht entscheiden, ob´s Zwillinge seien oder nicht. Aber gut, ein Reh hab ich schon mal gesehen, bastel ich mir einen Fantasiezwilling dazu. Und erfahr durch diese Metapher: Diese Brüste sind keine Elefantenzwillinge, auch keine Froschzwillinge, Rehzwillinge sind´s. Danke für die Info!

„Dein Schoß ist wie ein runder Becher, dem nimmer Getränk mangelt.“ Oha! Diesem Becher bin ich im nüchternen Leben nie begegnet, aber ich kann ihn mir ausmalen. „Dein Hals ist wie ein elfenbeinerner Turm“ – von diesem Bild des Hohen Liedes leitet sich der sprichwörtliche Elfenbeinturm her, der ja den Inbegriff des Weltfernen darstellt. Einen Turm aus Elfenbein gibt´s nicht, doch mühelos kann meine Fantasie ihn sich schnitzen.

In all diesen Beispielen wird die Metapher als Werkzeug zur Verdeutlichung verwendet. So entspricht es meiner Vorstellung.

Freilich kann das poetische Bild auch als Mittel der Verhüllung fungieren. Auch davon lese ich schon im Alten Testament. Mose darf Gott auf dem Berg Horeb begegnen; für die übrigen Israeliten wird diese Konferenz durch eine gewaltige Wolke verdeckt. Einen analogen Unterschied macht Gott in seiner Redeweise: “Ist jemand unter euch ein Prophet des HERRN, dem will ich mich kundmachen in einem Gesicht oder will mit ihm reden in einem Traum. Aber nicht also mein Knecht Mose, (…). Mündlich rede ich mit ihm, (…) nicht durch dunkle Worte oder Gleichnisse.“

Gleichnisse dienen hier zur Abschwächung und Abmilderung, und in dieser Funktion werden sie auch von Jesus verwendet. In einer der Abschiedsreden an seine Jünger im Johannesvangelium sagt er: “Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.” Während im Markusevangelium zu lesen ist, daß jene Zeit der Verkündigung-frei-Heraus bereits da sei. Hier sagt Jesus den Jüngern:
“Euch ist’s gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu wissen; denen aber draußen widerfährt es alles nur durch Gleichnisse, auf daß sie es mit sehenden Augen sehen, und doch nicht erkennen, und mit hörenden Ohren hören, und doch nicht verstehen”.

Diese verhüllende Funktion der poetischen Sprache – sie soll ja auch in Staaten mit strengen Zensurbehörden vonnöten sein, höre ich immer wieder. Hier nehme der Autor Metaphern zu Hilfe, um die Schärfe seines Ausdrucks zu verschleiern. „Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten“, sagt Karl Kraus.

Nun gibt es aber auch dies:
Daß einer etwas kaum oder gar nicht Bekanntes schildert durch etwas noch weniger Bekanntes. Nur frag ich mich, ob das dann noch als Metapher anzuerkennen sei.

Albert Vigoleis Thelen (1903-1989) hat der gewiß eindrucksvollen Erscheinung des Hirschkäfers ein Sonett gewidmet. Freilich lautet die Überschrift nicht „Der Hirschkäfer“, sondern vielmehr „Der Schröter“. Was den Nachteil hat, daß ich erstmal ins Lexikon gucken muß, um zu erfahren, daß die Schröter eine Käferfamilie bilden, der auch der Hirschkäfer angehört. Das heißt, eine erstens präzise und zweitens bekannte Bezeichnung (Hirschkäfer) wird vermieden zugunsten einer unpräzisen und unbekannten. Allerdings beschwört diese Bezeichnung, die ein altes deutsches Wort darstellt, reiche Assoziationen herauf: Der Begriff Schröter – in der Schreibweise Schröder tummelt er sich an fünfzehnter Stelle in der Rangliste der häufigsten deutschen Nachnamen – bezeichnete auch zwei unterschiedliche Berufe, den des Schneiders und den des Bierlieferanten (Im Grimmschen Wörterbuch heißt es: „schroten, verb. eine schwere last mittelst eines schrotbaums oder einer schrotleiter fortbewegen. es (…) ist vielleicht abgeleitet von schrot in der bedeutung eines baumstammes oder eines aus solchen hergestellten gerätes“).

Schon in der Gedichtüberschrift also zieht Thelen den Assoziationsreichtum gegenüber der Eindeutigkeit vor. Präzisiert dann aber durch ein kursiv danebengesetztes „lucanus cerverus“ – das wir, da wir das Lexikon schon zur Hand haben, entschlüsseln können: Aha, zoologische Bezeichnung des Hirschkäfers.

Das Gedicht ist schön: In fremdwortreichen Schachtelsätzen à la Thomas Mann läßt es den Hirschkäfer als Majestät einherschreiten, und sich in den letzten drei Zeilen in die Lüfte zu erheben:

„bis flimmernd sich die Flügeldecken heben/ und er entschwebt dem nächtlich irren Ziel“ – da scheint, des Metrums wegen, ein Wort ausgelassen worden zu sein. Man kann zwar einem Ort entschweben, aber der sollte dann nicht das Ziel sein, sondern der Startpunkt. Im Falles des Ziels dagegen müßte es heißen: „er entschwebt dem nächtlich irren Ziel zu“.

So.
Und nun folgt die Schlußzeile: „Groß und dämonisch wie ein Tragelaph“.

Wie ein was?
Nun muß Google herhalten:
„Als Tragelaphos wird im Altgriechischen ein mythisches Mischwesen bezeichnet. Es ist zugleich Ziege und Hirsch. Dieses (…) auf Deutsch Bockshirsch genannte Tier dient Aristoteles (…) als Beispiel für ein Nennwort, das zwar etwas bedeute, dessen Existenz jedoch höchst zweifelhaft erscheint. „Wo ist der Bockshirsch, wo die Sphinx“, fragt der Philosoph (…) und gibt bereits zuvor die Antwort: „An keinem Ort, da sie nicht sind (nicht existieren).““

Aha.
Ich unterbreche und zitiere einen alten Witz: Der Blinde fragt den Sehenden: Wie sieht Milch aus? Der Sehende: Milch, das ist eine weiße Flüssigkeit. Der Blinde: Aha, und wie sieht weiß aus? – Weiß, das ist so wie ein Schwan. – Und wie sieht ein Schwan aus? – Ein Schwan, das ist ein Vogel mit einem gebogenen Hals. – Und gebogen, was ist das? – Der Sehende krümmt seinen Arm und sagt: Hier, fühl mal. Das ist gebogen. – Der Blinde ertastet den gebogenen Arm und sagt: Vielen Dank! Jetzt weiß ich, wie Milch aussieht!

Das find ich gar nicht sehr witzig. Beide geben sich wirklich Mühe, Anschaulichkeit herzustellen.

Anders hier. Thelen gibt sich keine Mühe, mir, der ich noch nie einen Hirschkäfer gesehen hab, den anschaulich zu machen. Ich frag: Herr Thelen, wie sieht denn so einer aus? Und Thelen sagt: Na wie schon. Wie ein Tragelaph halt.

Vielen Dank! sag ich da.

Daß Thelen mit diesem Vergleich gerade den Charakter des Nicht-von-dieser-Welt-Mäßigen, des Real-Surrealen am Hirschkäfer herausstreichen will – ja, ja, kapier ich schon. Geschenkt, geschenkt!

Kommen wir zu Rilkes Panther, der sich nicht in die Lüfte erheben kann. Wie auch? Flügel hat er keine, und schlimmer, er ist eingesperrt. Wie Thelen setzt Rilke neben die Überschrift eine präzisierende Angabe, sie lautet: „Im Jardin des Plantes, Paris“. Im Pflanzengarten einer Großstadt, da muß ein Panther wohl hinter Gittern leben. Von diesem Garten nebst Pantherkäfig wußte ich gar nichts. Und daß Rilke dortgewesen ist, auch nicht. Interessant, danke für diese Unter-Überschrift.

Leider ist mit ihr das Gedicht für mich schon zuende. Von hier ab erfahre ich überhaupt nichts mehr. Sondern finde nur noch Versuche, Anschauungen, die ich bereits besitze, zu verunklaren.

„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält“ –

da haben wir die Enttäuschung des Betrachters: der Panther kuckt mich ja gar nicht an, ich interessiere ihn nicht. Er ist müde, sein Blick kann nichts mehr festhalten, interpretiert Rilke. Ihn, Rilke, hält es nun auch nicht mehr am Beobachterplatz. Schon, das Gedicht ist noch keine zehn Sekunden alt, schlüpft er in den Panther rein und kuckt durch dessen Kopf raus:

„Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe,
und hinter tausend Stäben keine Welt.“

Daß also die Stäbe sich zu einem dichten Palisadenzaun vervielfacht und zusammengedrängt hätten, sieht Rilke aus der Pantherperspektive – aber, Rilke, täuschst du dich da nicht? Bloß, weil er dir nicht verschwörerisch zugezwinkert hat? Wer weiß, käm Thomas Mann rein mit seinem Hühnerhund, oder der Wärter mit Fleischstücken, womöglich würd der Panther da wieder Welt hinter den Stäben sehen!

Strofe zwei: Daß der Panther im Käfig nicht jenen Auslauf finden kann, für den seine Beinmuskulatur eigentlich geschaffen ist – wir ahnten´s bereits. Rilke bestätigt´s uns nochmals:

„Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

und nun bringt er, als müßt´ er uns das noch extra veranschaulichen, ein Vergleichsbild dazu. Aber was für eins:

„ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.“

Da haben wir zwei abstrakte Begriffe: Kraft und Wille, und denen werden Attribute, die von Lebewesen herstammen, zugeteilt: „Tanz“ und „betäubt“. Ich kann mir, wenn ich mein Fantasiebastelvermögen und meine politische Unkorrektheit zusammennehme, Kannibalen vorstellen, die den Häuptling Großer Willi gefangengenommen und betäubt haben und nun einen Triumphtanz drumherum aufführen: ein Tanz um eine Mitte, in der betäubt ein Großer Willi steht. Aber wenn ich das nun aufmale, und dann auf die Tanzenden „Kraft“ draufschreibe und auf den Willi „Wille“ und dieses Bildchen dann rumreiche und sage: Kuckt, so sieht es aus, wenn der Panther im Käfig rumläuft – ob dann alle rufen: Danke, ja, nun können wir´s uns endlich vorstellen?

Eher nicht. Ich ordne dieses Bild noch zwei Klassen hinter der Milch-gebogener-Arm-Klasse ein. Ich ordne es direkt der Tragelaph-Klasse zu. Der Absichtliche-Verwirrung-eines-zuvor-klaren-Eindrucks-Klasse.

Tatsächlich: Poesie dient hier dazu, etwas, was mir vorher klar gewesen ist, undeutlicher erscheinen zu lassen. Und das ist für mich keine Poesie. Das kenne ich aus schlechten Weihnachtspredigten: wo das bekannte Gott-ist-sich-nicht-zu-schade-dafür-Menschengestalt-anzunehmen-und-sogar-als-kleines-Kindlein-zur-Welt-zu-kommen-und-zwar-nicht-in-reichen-Palästen-sondern-in-einem-armen-Kripplein eben noch einmal in etwas anderen Worten, in stark verlängerender und verunklarender Form dargebracht wird, um diese Stelle des Gottediensts zu füllen. Beim Panthergedicht will ich Rilke fortwährend zurufen: „Schon klar, Bruder, is logisch, mach weiter, Kollege, was ist nächstes?“

Nächstes ist die Schlußstrofe:
„Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –.“

Pupille is lautlos, is klar, Bruder, Pupille macht kein Lärm, logisch, mach weiter, was kommt?

„Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.“

Wenn etwas zu sein aufhört, dann paßt das schön für einen Gedichtschluß, deshalb will ich an diesem Ende auch gar nicht rütteln. Rilke will sagen: „Ab und zu kuckt er dann auch mal, der Panther“, und verlängert dieses Sätzlein auf vier Zeilen. Daß der Sehnerv des Tiers dabei nicht im Gehirn, sondern im Herz endet, dieser anatomische Irrtum sei verziehen.

Durchweg ist dieses Gedicht der Kategorie „Etwas, was ich eh weiß, wird ziemlich pathetisch ausgedrückt und auch ungenau, was aber insofern nichts ausmacht, weil ich das, was auszudrücken wäre, ja eh weiß“ zuzuordnen, und Gedichte dieser Kategorie mag ich nicht so.

Sollte ich selbst mal im Pflanzengarten dem Großstadtpanther begegnen, wie er mit geschmeidig starken Schritten im allerkleinsten Kreise tritt, dann werd ich ihm zuraunen: „Du hast´s raus, Bruder! Kupplung, das ist wie piano spielen.“