Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut)
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.
Die Liebe betreffend bin ich kein Experte, dazu stehen Aufwand und Erfolg in zu ungünstigem Verhältnis. Doch mitreden kann ich, schon meiner Aufwendungen wegen. Ich bin Amateur – tatsächlich bedeutet dieses Wort ja ursprünglich „Liebhaber“.
Kenner bin ich, was das Verlieren von Gegenständen, das Vergessen und Liegenlassen angeht. Hier kann ich einige Erfolge vorweisen, auf diesem Gebiet bin ich Meister. Nehm ich nun beide Fachkompetenzen zusammen, muß ich feststellen: Das stimmt nicht.
Das trifft nicht zu, das paßt nicht, das kommt nicht hin. Ich meine Kästners Gedicht „Sachliche Romanze“.
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Nein. Das ist nicht wahr!
Paartherapeuten, Scheidungsrichter, Vermögensberater, die Profis – sie werden´s bestätigen: Geht eine Liebesbeziehung zu Bruch, ist das nicht aus einer einzigen Situation entstanden, so wenig wie ein Bundesligaabstieg aus e i n e m Sekunden-Fehler resultiert. Für beides braucht´s eine Reihe von Fehlern und Versäumnissen in tragischer Addition.
Fürs Liegenlassen von Stock oder Hut dagegen gilt, mit dem Refrain eines Schlagers, den Manfred Krug gesungen hat: „Das war nur ein Moment“. Eine Zehntelsekunde der Unaufmerksamkeit genügt. Stock oder Hut zu verlieren, entspricht etwa einem Gegentor, das ein Team hinnehmen muß: Ein Wimpernschlag der Nichtpräsenz, schon ist´s passiert. Gegentor und starke Erschütterung einer Beziehung, beides kann „plötzlich“ eintreffen, dafür reicht ein Augenblick. Aber nicht für einen Abstieg, nicht für ein Ende achtjähriger Vertrautheit. Hinzu kommt: „Ihre Liebe“, das ist ja nicht etwas Einzelnes, was sich zwischen beiden Partnern eingestellt hätte, sondern vielmehr zweifacher Aufwand, zu dem jeder der beiden beiträgt. Daß nun beide Partner sekunden-synchron ihre Liebe eingebüßt haben sollten – ich halt´s für ganz unwahrscheinlich.
Hier liegt das große Manko des Gedichts: Daß das einfach so nicht läuft. Wenn was jahrelang gedauert hat und Liebe im Spiel gewesen ist – von beidem ist die Rede in dieser ersten Strophe -: Dann handelt sich´s beim Plötzlich-Abhandenkommen um eine surreale Situation. Kurz, just seinen Plot betreffend ist das Gedicht ganz und gar nicht sachlich, sondern sachlich unrichtig.
Und vermutlich einfach Formulierungs-Verliebt. Dieser Wie-Vergleich – eine emotionale Beziehung oder einen Menschen mit Stock oder Hut gleichzusetzen – hat Kästner so gut gefallen, daß er ihn fast identisch im „Fabian“-Roman vewerndet. Hier wird er eine Spur realistischer eingesetzt. Cornelia berichtet: „Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, und von zwei Männern wurde ich stehengelassen. Stehengelassen wie ein Schirm, den man absichtlich irgendwo vergißt“. Das klingt etwas glaubhafter als jenes schlagartige beidseitige Abhanden-Kommen von Liebe: Von Absicht ist hier die Rede, einer der Beteiligten läßt sie walten gegen den Willen des anderen.
Und trotzdem, liebe Cornelia, lieber Herr Kästner, gefällt mir der Vergleich auch in seiner Fabian-Version nicht. Zunächst einmal: Läßt man Schirme denn mit Absicht stehen? Gewöhnlich doch unabsichtlich! Und dann wieder: diese Einmal-Augenblicklichkeit, die zum Gegenstand-Verlieren gehört – paßt sie zu einer Beziehung?
Okay, ein Rendezvous kann platzen, weil einer den andern am vereinbarten Treffpunkt erblickt: Igitt – also der ist das. Ist ja überhaupt nicht meine Typ! – und ihn schlicht dort stehenläßt. Oder jene Damen, die mich Fußgänger in der Bülowstraße öfter mal ansprechen, die pfleg ich da, obwohl sie mir leidtun, einfach stehenzulassen.
Aber ein Liebesverhältnis? Lasse ich eine Frau, mit der ich zusammenwar, einfach stehen? Ich lasse sie, so lautet die Formulierung fürs miesest-mögliche Verhalten, sitzen. Aber stehen wie Stock oder Hut? Um einmal Deutsch zu sprechen: Was sollen denn das für Scheißbeziehungen sein da? Was sind denn das für Arschlöcher, von denen ich lesen? Was für bedeutungslose Eintags-Verhältnisse gehen sie angeblich ein? Falls es die wirklich irgendwo gegeben haben sollte, interessieren sie mich nicht eine Gedichtzeile lang!
Als was für ein langer, stationenweiser Prozeß das Wachstum bzw. Hinschwinden einer Liebesbeziehung sich gestaltet, deutet der junge Kästner just im erwähnten Roman an: Fabians Freund Labbude schildert das Scheitern seiner Verlobung, eine schleichende, vollkommen kausale Entwicklung:
„Wenn man in jedem Monat nur zwei Tage und eine Nacht beisammen ist, dann wird die Beziehung unterminiert, und wenn so ein Zustand, wie bei uns, jahrelang dauert, geht die Beziehung in die Brüche. Das hat mit der Qualität der Partner nicht sehr viel zu tun, der Vorgang ist zwangsläufig. (…) Man weiß nicht mehr, welche Sorgen der andere hat. Man kennt die Bekannten nicht, die er findet. (…) Seelische Nähe, anschließend Geschlechtsverkehr nach dem Kalender, mit der Uhr in der Hand. Es ist unmöglich. Sie in Hamburg, ich in Berlin, die Liebe krepiert an der Geographie.“ So nüchtern listet Labbude Gründe für die Unmöglichkeit einer Beziehung auf, einer Fernbeziehung in diesem Fall, und stellt klar, daß eine Liebe ohne entsprechende aufwendige Pflege verkümmern muß. Zurück zum Gedicht – betrachten wir die zweite Stelle, die ich für ganz falsch halte: den Schluß.
und konnten es einfach nicht fassen.
Aber wieso denn nicht?
Vermutlich rührt die Fassungslosigkeit der beiden daher, daß sie etwas Surreales erlebt haben. Doch grundsätzlich paßt sie ebensowenig zum für unsere Welt üblichen Ende einer Beziehung wie das Liebe-Abhandenkommen vom Anfang. Fassungslos bin ich, wenn ich erlebe, daß ich mich auf den ersten Blick verliebt habe. Wenn ich nach einer Begegnung merke: Unglaublich, daß es mich noch einmal dermaßen erwischen konnte! Oder wenn ich erfahren muß, daß die Partnerin mich seit Monaten betrügt. Alles Situationen, in denen Liebe eine Rolle spielt; Fassungslosigkeit gehört zu ihrem Gefolge. Wenn ich dagegen feststellen müßte, eine Frau, die ich geliebt habe, nicht mehr lieben zu können, wäre diese Feststellung nicht von Fassungslosigkeit begleitet, sondern, wie im Falle Labbudes, von Desillusion, Nüchternheit, Sachlichkeit.
Dieses Gedicht stimmt hinten und vorn nicht!
Und in der Mitte?
Betrachten wir die. Wir finden Zeilen, die Kästner in seinem Element zeigen:
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagt, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Alltägliche, flüssige, unverkünstelte Sprache im Gedicht, frei von den hochgestochenen Formulierungen eines Rilke (der erst zwei Jahre vorm Erscheinen der „Sachlichen Romanze“ gestorben war) – das hat Kästner angestrebt, das hat er gut hinbekommen.
Apropos – wie gefällt Ihnen die Anfangszeile eigentlich vom Versmaß her?
Als sie einander acht Jahre kannten
– hören Sie hin: Das knallt wie eine Harley mit Fehlzündungen. Speziell der Zeilenausgang – „einánder ácht Jáhre kánnten“: da ballen sich die A-Betonungen bedrohlich. Kästner wird auch dies aufs Konto der anti-rilkeschen Sachlichkeit verbucht haben: So soll das sein, diesen prosamäßigen Sound will ich! Die Argumentation erkenne ich an, mir gefällt die Zeile dennoch nicht. Prosa in der Lyrik, gern; aber bitte nicht so rumpelfüßig.
2
Ich frage mich, wie ist es zu diesem Gedicht gekommen? Was war Kästners Motiv, sowas zu schreiben?
Ich habe zwei Mutmaßungen. Erstens, Kästner ist das Thema „sachliche Romanze“ eingefallen, er hat diesen Titel interessant gefunden und als Schreibaufgabe verwendet: das klingt schön paradox, mach mal! (Peter Handke berichtet, der Titel „Die Angst des Torwarts beim Elfmeter“ sei ihm eingefallen und habe ihn so entzückt, daß er dann ein ganzes Buch hinter diesen Buchtitel hingeschrieben habe.)
Falls diese Schreibaufgaben-Annahme stimmen sollte – wäre Kästner die Lösung seiner Aufgabe geglückt? Aber nein.
Sachlich ist das Gedicht just wegen seines surrealen Einstiegs nicht. Kästner würde wohl umgekehrt argumentieren: Daß ich so etwas Ideelles wie die Liebe metaphorisch verbinde mit einer Alltagsmetapher, dem „Stock oder Hut“, das ist Sachlichkeit.
Pech gehabt! Das ist keine Sachlichkeit, sondern unsachliche Verwendung einer sachlichen Metapher. Daß weitere Gedichtzeilen dann sachlich erzählen – unbestritten.
Und Romanze? Das ist das Gedicht schon gar nicht. Als Leser und Freund romantischer Gedichte darf ich versichern: Romantik in Abwesenheit von Liebe, das geht gar nicht. Egal, ob´s eine Person ist, die in Liebe angesungen wird, ob ein bestimmter Heimatort oder drei lustige Gesellen: Sie werden vom romantischen Dichter geliebt, durch die Bank! Wo könnte nun Kästner Romanzen-Elemente gesehen haben?
Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat Kästner die Formulierung „abhanden kommen“ dem Rückert-Gedicht „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ entlehnt. So etwas haben die Autoren damals noch gekannt!
Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh‘ in einem stillen Gebiet!
Ich leb‘ allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!
Ein starkes Gedicht, das höchst programmatisch romantische Weltflucht verkündet – als Organspender für Kästners Gedicht könnt es für ihn eine Art Romantik-Garantie dargestellt haben.
Ein zweite Möglichkeit seh ich auch noch: Kästner meint eine reine Bettbeziehung. Die beiden haben sich acht Jahre lang immer mal wieder zum Vögeln verabredet („sie kannten sich gut“ heißt dann: sie kannten gegenseitig ihre Vorlieben), um eines Nachmittags festzustellen, daß sie einfach keine Lust aufeinander haben („ihre Liebe“, die abhanden kam, wäre dann die Lust auf körperliche Liebe). Die kann, so wurde mir berichtet, tatsächlich mal im Moment verschwunden sein. In diesem Fall hätte Kästner dann wohl den Gedichtschluß mit seinem kleinsten Café am Ort als romantisch angesehen. Nach dem Motto: Auch wenn´s zwei voll oberflächliche Arschlöcher sind, können die doch noch nett Kaffeetrinken gehn.
Was für diese zugegeben wenig erbauliche Version sprechen kann?
Im schon zweifach zitierten „Fabian“, an dem Kästner ungefähr zu derselben Zeit geschrieben hat, nimmt die Titelfigur seitens von fünfen jener neun Frauen, die im ersten Buchviertel auftreten, sofort erotische Absichten ihr, der Figur, gegenüber wahr, verhohlenene, weniger verhohlene oder ganz unverhohlene. Von seiten der sechsten keine, weil sie Fabians Mutter ist, von seiten der siebten und achten keine, da sie ein lesbisches Paar bilden, und von seiten der neunten nicht, weil in ihrem Fall erst drei Stunden vergehen müssen, wie sie sexuelle Wünsche Fabian gegenüber zeigt, welche dann in diesem Fall auch in Erfüllung gehen.
Auf den Vorwurf, sein Buch sei Pornografie, entgegnet Kästner in einem Nachwort: Ihm sei um Realismus zu tun, „die Proportionen müssen stimmen“. Sagen wir so: Was Kästner seinerzeit als stimmige Proportionen ansah, das hatte einiges mit Sex zu tun.
Ob dieser den wesentlichen Inhalt jener „Liebe“ des Sachliche-Romanze-Paares ausmachte – ich will es nicht entscheiden. Eins aber steht fest: Daß ich Kästner, wo es um erotische Liebe geht, für einen ganz schlechten Autor halte. Und für einen höchst ungalanten, spießigen, nicht nur in jener Stelle aus dem Gedicht „Klassefrauen“, wo es heißt: „Wenn es Mode wird, die Brust zu färben,/ oder, falls man die nicht hat, den Bauch“: Falls man die nicht hat – das bedeutet ja: Kleine Brüste zu haben, so eine ungehörige neumodische Erscheinung gehört sich für eine Frau bittschön nicht!
Freilich, wahre Liebeslieder anstimmen kann Kästner, wenn es um die Liebe zu seiner Mutter geht, oder um die Eierschecke, die Gebäckspezialität aus seiner Heimat Dresden. Vielleicht, daß es dieses Gebäcks wegen geschieht, daß das „kleinste Café am Ort“ aufgesucht wird?
Und vielleicht, daß dieses Gedicht doch ein ganz klein bißchen etwas von einer Romanze hat, nämlich dies: daß sein Autor manchmal – manchmal – machmal – – auch Züge eines Romantikers zeigen konnte.