Ich, Goethe, habe als junger Mann ein Gedicht namens Heidenröslein vielleicht verfaßt und wirklich in meinen mittleren Jahren unter meinem Namen publiziert.
In letzter Zeit muß ich beobachten, dass behauptet wird, in diesem Gedicht werde ein Verbrechen dargestellt, gar in verharmlosender Weise. Das „Wikipedia“ benannte Lexikon referiert, „die geläufigste Interpretation des Gedichtes ist die eines sexuellen Übergriffes, also der Vergewaltigung eines jungen Mädchens“. Erfahren kann ich dabei, dass im oft gerühmten Reich des literarischen Nachruhms eine Regel, die im praktischen Leben gebräuchlich ist, keine Anwendung findet: daß nämlich im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden sei. Obwohl erwähnte Deutung nicht belegbar ist, und selbst Wikipedia den Begriff „metaphorisch“ verwendet, scheint das Urteil allgemein zu gelten.
Deshalb habe ich Herrn Martin Betz gebeten, als mein Anwalt zu operieren. Er ist mit mir nicht verschwägert, und eng genug geistesverwandt, um meine Vorlieben sowie meine Abscheu vor jeglicher Gewalthandlung zu kennen.
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Das Mißverständnis entsteht durch die beiden letzten Zeilen des Gedichts: „half ihm doch kein Weh und Ach, mußt es eben leiden“. Wem half nichts, wer mußte eben leiden? Von der Grammatik her können´s beide sein, der Knabe und das Röslein. „half ihm“, jener Dativ kann männlichen wie auch neutralen Geschlechts sein. Und weil die Schlußzeile keinen Platz mehr bietet für ein Subjekt-Personalpronomen, erfahren wir auch hier nicht, ob er oder es „es eben leiden“ mußte. Anhänger der Röslein-Ohnmacht-Fraktion mögen argumentieren: „Röslein wehrte sich und stach, half ihm -“ Das „Röslein“ steht näher am „ihm“, also muß sich „ihm“ aufs Röslein beziehen, nicht auf den Knaben, der schon eine Zeile weiter vorn Subjekt war.
Auch jenes Objekt-Personalpronomen der Schlußzeile, „mußt e s leiden“, können wir nicht zuordnen: Handelt sich´s beim zu Erleidenden ums Gestochen- oder ums Gebrochenwerden? Beides ist möglich. Anhänger der Knabe-Leiden-Fraktion entgegnen: das „wehrte sich und stach“ steht näher am „es“ als das „brach“, also ist mit „es“ das Gestochenwerden gemeint.
Kurz, von den Regeln der Grammatik her betrachtet kann´s gleich gut Röslein wie Knabe sein, wer am Ende „eben leiden“ muß.
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Für Johann Gottfried Herder steht fest, daß es der Knabe war, und er formuliert es auch unmißverständlich, da er als „kindisches Fabelliedchen (…) aus dem Gedächtnis“ folgendes aufschreibt:
Röschen auf der Heide
Es sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Haiden:
Sah, es war so frisch und schön,
Und blieb stehn es anzusehn,
Und stand in süssen Freuden:
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Haiden!
Der Knabe sprach: ich breche dich,
Röslein auf der Haiden!
Röslein sprach: ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Daß ichs nicht will leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Haiden.
Doch der wilde Knabe brach
Das Röslein auf der Haiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Aber er vergaß darnach
Beim Genuß das Leiden,
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Haiden.
Goethe soll sein Gedicht um 1770 verfasst haben, gedruckt wird es erst 1789. Herder veröffentlicht seine Fassung 1773. Hat Herder Goethes Gedicht schon vor dessen Veröffentlichung gekannt, es leicht abgewandelt und als Volkslied ausgegeben? Hat umgekehrt Goethe Herders Volklied-Vorlage raubkopiert? Wir wissen´s nicht. Freilich ist die Verwandtschaft zwischen beiden Texten so eng, daß ein Wechsel der Schluß-Leidensperson ganz unwahrscheinlich ist. Beziehungsweise: Wäre er beabsichtigt gewesen, hätte 1. mit noch mehr Übereinstimmung des Vorhergehenden operiert werden müssen, und 2. deutlicher gemacht werden müssen, dass es diesmal das Röslein sei, das leidet.
Welcher der Texte der originalere ist, wissen wir nicht. Sicher ist, dass beide nicht originell sind. Was beide thematisieren, ist ja das alte Emblem vom zwiespältigen Charakter der Rose, die zwar verführerisch schön, aber wehrhaft ist, keine Rose ohne Dornen. „Rose, oh reiner Widerspruch“, längst bevor Rilke seine Grabsschrift formulierte, galt die Rose als doppelsinnig, indem sie gleichermaßen Attraktion und Wehrhaftigkeit verkörpert.
3
Als Advokaten hat Goethe mich ausgewählt, weil ich selbst als junger Liebeswerber auf dasselbe Kapital setzte wie er seinerzeit: Der jeweils Angebeteten gegenüber haben wir, Goethe und ich, nur e i n e Trumpfkarte ausgespielt. Nicht unsere Herkunft aus besten Familien, Aussicht auf reiche Erbschaften, nicht unsere ebenmäßig geschnittenen Züge noch unsern athletischen Körperbau haben wir ins Feld geführt, nein, einzig unsere Dichterbegabung. Schöne Verse, sie stellten das Pfund dar, mit dem wir wucherten. Wenn Goethe nun seiner Seesenheimer Geliebten Friederike Brillon neben „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde“ oder „Wie herrlich leuchtet mir die Natur“ ein weiteres Top-Leidenschafts-Gedicht zukommen lassen will – hätte er punkten können mit einem Liedchen im Tenor „Huch, da bin ich wohl etwas wild gewesen. Tscha, mein Röslein, da mußte eben leiden, das gehört dazu“?
Dagegen: Zu schreiben: Ich bin totales Sensibelchen, du hast die Möglichkeit, mich so zu verletzen, dass ich mich lebenslang daran erinnere – das passt zu einem Liebesbrief, und kerzengerade zur Selbsteinschätzung des jungen Goethe. Und zu seinem Frauenbild. Nicht nur Werther, auch Wilhelm Meister hat ja in seiner ersten Liebe heftig zu leiden, ja, noch seiner erfahrenen One-night-Partnerin Philline darf Wilhelm freudig überrascht als Toyboy dienen. Was zeigt das Frauenbild des jungen Goethe? Eine starke Frau. Durchweg.
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Auch hier verbinden Goethe und mich analoge Erfahrungen.
Ich bin junger Autor gewesen, hatte manche unglückliche Liebschaft treu, gewissenhaft und mit zahllosen Briefen durchlebt, an sexueller Erfahrung hatte ich wenig vorzuweisen. Anders eine junge Autorin, die erotische Geschichten vefasste. Nicht ihren Texten, doch ihrer Kleidung zufolge war sie der Leder- und SM-Szene zuzurechnen, kurz, wir bewohnten unterschiedliche Welten. Kaum hätten wir uns ineinander verlieben können, schätzten einander aber als Autoren. Nachdem wir eines Abends im Zuge mancher Biere festgestellt hatten, daß uns beiden gerade Sex fehle – sie hatte vom Freund im Ausland, ich von meiner Unerfahrenheit berichtet -, fragte ich, ob wir´s miteinander probieren sollten? Ihre Antwort, leicht zögernd vorgetragen, war kein Nein. Sie lautete: „Ich fürchte, ich – – würde dir wehtun.“ Ob sie das körperlich meinte oder seelisch? Ich weiß es nicht – anders als Goethes Knabe ließ ich mich abschrecken durch ihre Worte.
Gleichwohl ist meinem Mandanten Goethe diese Episode ganz wichtig. „Erzähl ihnen das!“ hat Goethe gesagt. „Sag ihnen: Eben das erzählt die zweite Strofe meines Liedes – sone Konstellation wird hier dargestellt.“
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Tatsächlich wird die zweite Strophe wenig beachtet. Sie ist unmißverständlich formuliert, und stellt Machtverhältnisse klar:
Knabe sprach: Ich breche ich
Röslein sprach: ich steche dich,
daß du ewig denkst an mich
und ich will´s nicht leiden.
Gut dreimal so viel Text wie der Knabe hat das Röslein. Eins sagt es dabei nicht: Nein! Es warnt ihn: Wenn du mich brichst, werde ich dir einen Denkzettel verpassen, den du dein Leben lang nicht vergißt. Ich lasse mir das nicht gefallen!“ – das Grimmsche Wörterbuch führt diese Stelle als Beispiel für „leiden“ im Sinne von „etwas sich gefallen lassen, zulassen“ an. Ich will´s nicht leiden! Sieh dich vor!
Und der Knabe? Sieht sich nicht vor, läßt sich nicht abschrecken. „Der wilde Knabe“, lesen wir, „brach s Röslein“.
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Er mißachtet die Warnung.
Und jetzt wiederhole ich mich. Lautete, wie unterstellt wird, die Geschichte: 1. Knabe erblickt Schönheit, weidet sich an ihr. 2. Knabe will sie sich aneignen, Schönheit warnt ihn: Paß auf, du wirst dir schaden! 3. Knabe mißachtet Warnung, Schönheit wehrt sich, was ihr aber nichts hilft, sie muß leiden, während Knabe straffrei davongeht – diese Geschichte würde 1. nicht zum jungen Goethe passen 2. keinesfalls was ergeben, was ein junger Autor seiner Geliebten sendet, und würde 3. überhaupt keine Form ergeben. Während Schönheit mit Verführung zum Besitz – Warnung vorm Versuch der Aneignung – Nichtbeachtung und Eintreten der angekündigten Strafe eine, sehr moralische, Geschichte ergibt.
Die Bedeutung eines kleinen Wortes will ich noch hervorheben. Die dritte Strofe beginnt mit dem Wort „und“: „und der wilde Knabe brach“. Das heißt: Er tut´s, und alles erfüllt sich wie angekündigt. Wie im Märchen, wie im Kinderlied und Volkslied. Im anderen, literarisch – jawohl! – unmöglichen Falle: dass also der Knabe sündigte und straffrei davonkäme entgegen der Ankündigung – – in dem Fall hätte die dritte Strofe mit „doch“ beginnnen müssen. „Doch der wilde Knabe brach“ – weil sie ja eine Entgegnung zur zweiten Strophe darstellen würde. „und“ heißt: nun folgt die Bestätigung des in der zweiten Strophe Angekündigten.
So.
Und!
abschließend möchte ich eine These aufstellen. Diese: dass „Rose brechen“ in der Dichtung nicht in jedem Fall gleichbedeutend sei mit Defloration. Beim Barockdichter Johann Christian Günther, im Gedicht „Auf die Verstellung derer Frauenzimmer“, heißt es:
Wenn wir etwan Rosen brechen
Und in Busen stehlen gehn,
Wollt ihr flugs mit Nadeln stechen
Und den Galgen gleich erhöhn;
Ja, ihr flucht wohl um die Wette
Und entlauft uns bis zum Bette,
Nur damit wir schärfer stehn.
Das heißt in Prosa: Ihr überreagiert total! Ihr errichtet gleich einen Galgen und stecht mit Nadeln, bloß weil wir Rosen brechen und in Busen stehlen. Auch hier findet sich der Reim „brechen-stechen“, eindeutig aber aber wird das Stechen als das Ärgere dargestellt. Von der Rhetorik her – eingangs der Strophe müssen die harmlosen Scherze genannt werden – kann hier nicht von einer Defloration – beim hohen Stellenwert, welcher dieser zukam – die Rede sein. Unanständige, aber nach Meinung des Dichter harmlose, Berührungen müssen gemeint sein.
Und ein Negativbeispiel will ich geben, wo Gewalt gegen Frauen tatsächlich verharmlost wird. Tucholsky legt einer Kabarettsängerin diese Verse in den Mund:
Tamerlan war Herzog der Kirgisen,
und jeder Mensch in Asien wußte wohl das.
Tamerlan ritt über grüne Wiesen
und wo der Junge einmal hintrat wuchs kein Gras.
Und alle Frauen lauschten angstvoll seinem Schritt
und fiel’n die Städte, fiel’n die Mädchen alle mit.
Er war auch stets zu einem wilden Kampf bereit,
das war in Asien eine schöne Zeit.
Mir ist heut so nach Tamerlan, nach Tamerlan zumut (…)
„Fiel´n die Mädchen alle mit“, da ist tatsächlich von Gewalt die Rede, und Tucho läßt die Sängerin das in der nächsten Zeile als „schöne Zeit“ bezeichnen. Und weil die Idioten nicht alle werden: Als ich den Text vorhin google, find ich ihn auf einer Homepage mit dem Titel „Musiknoten aus der guten alten Zeit“. Na danke.
Wir wissen´s inzwischen: Alle guten alten Zeiten waren Scheißzeiten, in denen wir keineswegs leben wollen würden. Und ich weiß noch etwas: Unter den Scheiß-Zeiten-Männern aller Jahrhunderte war Goethe, der junge, einer der weniger Schlimmen.