Menschen getroffen
Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben −
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ −
„wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!
Ich habe Menschen getroffen, die
mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.
Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.
Der Text stammt aus Benns letztem Gedichtband Apreslude, der 1955, ein Jahr vorm Tod des Autors, erschienen ist. Von meinen Germanistik-Lehrern war über diesen Band ungefähr dies zu erfahren: Nachdem Benn den großen Fehler gemacht hatte, 1933 in einem Offenen Brief an die Schriftstellerkollegen zu appellieren, nicht den Weg ins Exil zu suchen, weil es ja a) nur die wohlhabenden seien, die so ein bequemes Auslandsdomizil leisten könnten, während b) hierzulande eine Bewegung im Gang sei, die aus dem Volke komme, Interessantes mit sich bringe und mitzuerleben spannend sei – nachdem Benn diesen Fehler gemacht und später, da Zeitläufte wie auch Kollegen, unter diesen besonders Klaus Mann, ihn eines Besseren belehrt hatten, eingesehen hatte, schwieg Benn beschämt. Erst mit besagtem letzte Gedichtband wagte er sich wieder an die Öffentlichkeit, und pflegte in diesen Gedichten einen vorsichtigen, zurückhaltenden Tonfall anzustimmen. So das Klischee zu Benns späten Gedichten.
Was vorliegenden Text angeht, läßt sich bestätigen: Eine gewissen Piano-Zurückhaltung kann diagnostiziert werden. Unterstreichen aber will ich etwas anderes: Wir haben es mit einem Beispiel mittenraus aus der gefürchteten modernen Lyrik zu tun. Aus einer Gattung also, vor deren Lektüre viele regelrecht Angst haben. EIner Gattung, von der gern angenommen wird, ohne erläuternde Beiworte sei ihr gar nicht beizukommen. Und hier? Ich finde durchweg korrekten, unaufwendigen Prosasatzbau, nirgendwo muß die Grammatik zugunsten hochkomprimierten Ausdrucks eine Regelverletzung erleiden. Und wichtiger: Jede Stelle des Gedichts ist sofort nachvollziehbar, nichts bleibt rätselhaft, keinerlei mehrdeutige Symbolik kommt keine vor, ja, noch nichteinmal eine Metapher. Falls es einen Verein „Vorbehalte gegen Lirik des 20. Jahrhunderts Abbauen e.V:“ geben sollte, dürfte hier einer seiner Lieblingstexte vorliegen.
Sofort erkennen läßt sich die Gliederung in drei Teile, schon im Schriftbild voneinander abgesetzt und zudem durch parallelen Beginn gekennzeichnet. Zweimal heißt es „Ich habe Menschen getroffen, die“, und auch der dritte Teil hebt mit „Ich habe“ an.
Und vorderhand mag es scheinen, Teil 3 bilde eine Zusammenfassung der beiden vorhergehenden. Was aber nicht wirklich zutrifft.
Teil 1 bietet die Charakterisierung einer Person durch eine Momentaufnahme, eine individuelle, und ihre Interpretation. Sein Nachname, sagt ein Fräulein Christian, buchstabiere sich wie der Vorname Christian, was für den Hörer eine Gedächtnishilfe sein kann. Nett, wenn jemand so etwas dazusagt, nötig wohl nicht. Was aber soll das mit den Namen Popiol und Babendererde? Wer einen dieser Geburtsnamen trägt, hat ihn sich ebensowenig selbst ausgesucht wie Fräulein Christian sich den ihren. Wer einen unüblichen und langen Namen trägt, nimmt sich keine Unverschämtheit heraus, und mit ihrem nicht komplizierten Namen erweist uns Fräulein Christian noch keinen Gefallen. Diagnostizieren läßt sich allenfalls, daß Fräulein Christian sich mit ihrem „wie der Vorname“ etwas vorauseilend hilfsbereit zeige. Ob solche Hilfsbereitschaft aber derart häufig vorkommt, daß wir uns Sorgen um eine pathologische Unterwürfigkeit Fräulein Christians machen müssten? Wir können nur mutmaßen, wie oft das lyrische Ich Zeuge dieser Antwort gewesen ist. Ist Fräulein Christian in Benns Anwesenheit zwanzigmal nach ihrem Namen gefragt worden und hat immer dasselbe geantwortet – oder ist’s ein einziges Mal gewesen? Sicher ist, dass das, was Benn wörtlich schreibt, nicht zutrifft: „Ich habe Menschen getroffen, die, wenn man sie nach ihrem Namen fragte, sagten …“ , daß Benn also mehrere Fräulein Christians getroffen hätte, die alle auf betreffende Frage so geantwortet hätten. Vielmehr meint Benn wohl: Ich habe mehrere Menschen getroffen, die so was Unterwürfiges, vorauseilend Hilfsbereites hatten wie Fräulein Christian in dieser einen Situation. Wie gesagt, Benn schildert eine Momentaufnahme. Vermutlich versucht er eine ganze Reihe von ähnlichen Fräuleins oder überhaupt „Menschen“, die er womöglich über längere Zeit gekannt hat, durch diese Momentaufnahme repräsentativ darzustellen.
Anders die zweite Strofe: Diesmal werden mindestens zwei Situationen eines Lebenslaufs skizziert. Erst heißt’s, daß wer aufwuchs – „mit (…) Eltern und vier Geschwistern in einer Stube“, dann, daß wer hochkam „schön und ladylike“- nicht ganz klar ist, wie weit Aufwachsen und Hochkommen voneinander entfernt sind. Die beiden Kontexte dazugenommen, schätze ich mal: erste Situation: eine Zehnjährige, zweite: eine Sechzehnjährige. Das Kind, das – Situation 1 -beengt und ärmlich aufwächst, zeigt sich dann – Situation 2 – „ladylike“ und fleissig.
Hier muß ich fragen: Was, Benn, hattest du erwartet? Dass, wer unter Entbehrungen aufwächst, faul und hässlich wird? Und warum sollten äußere Schönheit und Ladylikeness üblicherweise – wie du voraussetzt – gewöhnlich nur Gräfinnen eigen sein?
Aktuell spukt als Modebegriff ja die „Resilienz“ herum – ein Begriff, der freilich nicht neu ist, sondern sich etwa zeitgleich mit Benns Gedicht etablierte. Ich zitiere Wikipedia:
„Der Begriff der Resilienz wurde in den 1950er Jahren vom US-amerikanischen Psychologen Jack Block (1924–2010) geprägt (…). Norman Garmezy (…) wird oft als „Großvater der Resilienztheorie“ bezeichnet. Er entdeckte in den frühen 1960er Jahren, dass sich viele Kinder schizophrener Eltern zu erfolgreichen, glücklichen Erwachsenen entwickelten.“ Allerdings wußte ich schon vor Wikipedia, aus einer anderen Quelle gesammelten Weltwissens, den Grimmschen Märchen nämlich, dass gerade das meistgemobbte Geschwister- oder Stiefkind nicht selten nachher das schönste und erfolgreichste wird. Während umgekehrt privilegiert oder hochbehütet Aufgewachsene öfter mal ungute Wege einschlagen – Hochadel, Aktion Lebensborn und Wilhelm Buschs Fromme Helene mögen Beispiele liefern. Ganz abgesehen davon habe ich Menschinnen getroffen, die fleißig und engelrein waren und sich wenige Jahre später zu absoluten Zicken oder Vamps entwickelt hatten – was ja auch wiederum ihr gutes Recht ist.
Ziehen wir die Pseudo-Conclusio der dritten Strophe hinzu:
Benn hat Menschen getroffen, weiß sich das Beobachtete nicht zu erklären und muß nun gehen. Diese ohne Klage vorgetragene Resignation, das Eingeständnis von Nichtverstehen, nehmen wir gern zur Kenntnis, hier liegt eine Qualität dieses Texts. Doch dreierlei erscheint mir höchst fragwürdig. Erstens, Benn wundert sich über Dinge, die überhaupt nicht verwunderlich sind: Die zweite Strofe schildert kein Wunder, die erste nichts Pathologisches. Wenn ich „Herr Christian“ hieße, würde ich womöglich auch manchmal dazu-sagen „wie der Vorname“, obwohl mir nie akuter Mangel an Selbstbewusstein bescheinigt wurde. Wo ist das Problem?
Zweitens, welches Frauenbild zeichnet Benn hier? Just „das Sanfte und das Gute“ hebt er als final eindrucksvollste Eigenschaften hervor. Zwei Frauen, die bescheiden, fleißig, engelhaft rein und ladylike schön sind – sie stellt er als nicht zu enträtselnde Ideale seiner Lebenssumme hin. Womit wir beim dritten Punkt wären. Diese schöne Abschiedshaltung der dritten Strofe: Ich hab’s nicht rauskriegen können, wieso Menschen so werden, wie sie werden – hätte diese Lebens-Quintessenz nicht farbigere, umfassendere Beispiele verdient? Etwa: Fleischer Müllers Sohn will den Laden übernehmen, Fleischer Maiers Sohn aber ist Veganer geworden! Die Tochter der Sopranistin Gisela wird Küchenmamsell, die Tochter der Altistin Erika aber will unbedingt Sopranistin werden. Klaus Mann kommt aus nem Schriftstellerhaus, ich nicht, beide sind wir Schriftsteller geworden – wie kommt’s? Ich weiß es nicht und muß nun gehen. Etwa so?
Natürlich hätten wird dann nicht mehr das Piano-Parlando dieser Zeilen. Dafür mehr Logik. Erahnen läßt sich hier, was ich an einigen weiteren Gedichten aufzeigen könnte: Daß Benn, im deutlichsten Unterschied zur Klischeevorstellung von seiner Lyrik, beim Dichten überhaupt kein Naturwissenschaftler ist. Vielmehr ein Liebhaber, ein Amateur, ein Feierabendautor, dessen logisches Denken beim Dichten allzugern mal einnickte. Weil er sich, ähnlich wie Rilke, an seinem eigenen Sound berauschen konnte. In diesem Fall fand er den angestrebten Versöhnlichkeits-Dreiklang und Gestus wohl so gelungen, daß er wähnte, ein abgeschlossenes Werk geschaffen zu haben. Ich aber habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, was diese drei Strofen eigentlich miteinander zu tun haben sollen, weiß es auch heute nicht, und bleibe dabei.