Ich bin kein Kenner von Liedtexten Hildgard Knefs, aber so viel scheint beim Reinlesen deutlich: Dieser Text ist ungewöhnlich. In den meisten Fällen hat Knef ja Fremdmaterial gesungen, bei einigen Liedern tritt sie als Co-Texterin auf, so auch in diesem Fall (Hans Hammerschmid/Hildegard Knef). Er weist dreierlei ohrenfällige Reim-Figuren auf, die geradezu bizarr wirken im Umfeld der sonst eher U-Musik-konvetinell gestalteten Texte, etwas jenem von „Berlin dein Gesicht hat Sommersprossen“ (Charly Niessen/ Hildegard Knef lautet hier die Texter-Angabe):

Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen
und dein Mund ist viel zu groß
dein Silberblick ist unverdrossen
doch nie sagst du: Was mach ich bloß

Berlin du bist viel zu flach geraten
für die Schönheitskonkurrenz
Doch wer liebst schon nach Metermaßen
wenn du dich zu ihm bekennst

Das ist Profi-Texterei auf bescheidenem Niveau. Bei den Reimnotlösungen „geraten-Metermaßen“ „konkurrenz-bekennst“ passen nur die Vokale, und am Ende der ersten Zeile kommt der Reim nur durch jene dilettantische Flickerei zustande, daß etwas, was nicht hergehört, reingenäht wird mit einem „nie“ vorne dran („doch nie sagst du: was mach ich bloß“). Geburtsagsgedichte à la „du hast nen frohen Blick, warst nie dick, liegst gern lang im Bett, bist auch nicht fett“ lassen grüßen. Aber U-Musik typisch erkennen wir genau die Zeilenenden und die Wo-Reim-sein-soll-Stellen.

Und nun unser Walzer, er bringt zwei unlösbare Rätsel, davon weiter unten. Und bringt, womit ich beginnen will, drei Figuren, die für Unterhaltungsmusik keineswegs üblich sind: Erstens und am berühmtesten: den Dreier-Stabreim Rote Rosen regnen – ein Einfall, der womöglich Initialzündung des Songs war. Zweitens, auch prominent, Binnenreime: „still/ ich will“ „verstehen, viel sehen, erfahren, bewahren“, „mich fügen, begnügen“, „vom Alten entfalten“. Drittens der die Strofen überspannende Reim jeweils zum Chorus-Ende: „umgestalten-behalten“, „verhalten-verwalten“, „entfalten-halten“. Das Wort „halten“ wird durchgehalten, aus welchem Grund auch immer – keine Song-Formkonvention zwingt dazu. Solcher die Strofen überspannende Reim findet sich manchmal in der alten Lyrik, z.B. im Adventslied „Macht hoch die Tür“, wo die Schlußzeilen der ersten vier Strofen lauten: „Mein Schöpfer reich an Rat“, „mein Heiland groß von Tat“, „mein Tröster früh und spat“, „voll Rat, voll Tat, voll Gnad“.

Reim-Extras sozusagen, Spezialitäten – die Frage stellt sich, ob sie einen Vorteil des Textes darstellen oder nicht besser ausgelassen worden wären, gemäß der Maxime „Kill Your Darling“. Der Dreifach-Stabreim muß meines Erachtens unbedingt bleiben, vom Roten-Rose-Regen leuchtet dieser Text. Wobei mir bereits die Zeile, die auf den Stab endreimen muß, Magenschmerzen macht. Ein Wunder, begegnet einem das? Ja, werden Fans sagen, das Traumhafte wird geerdet, die Wunder kommen als alltägliche Kumpels daher. Okay, sag ich. Doch der Verdacht drängt sich auf, dass es halt nen Reim auf „regnen“ brauchte, und „segnen“ der Autorin zu fromm gewesen wäre.

Die Chorus-Schlußzeilenpaare betreffend gilt: Stark angefangen und stark nachgelassen:
„Die Welt sollte sich umgestalten / und ihre Sorgen für sich behalten.“ Das gefällt mir, hier unterschreibe ich, daß die hochfliegenden Träume irdisch ausgedrückt werden. Im zweiten Chorus lautet die Stelle: „Das Glück sollte sich sanft verhalten, es soll mein Schicksal mit Liebe verwalten.“ Wieder ist Alltagssprache-Absicht zu spüren, freilich wird sie nicht umgesetzt. Im Gegenteil: Glück, Schicksal, Liebe – hier ballern und ballen sich Abstrakta auf engstem Raum. Und die Logik leidet: Wenn mir sämtliche Wunder begegnen, verhält das Glück sich gewiß nicht sanft, sondern stürmisch.
Nun der letzte Chorus: Schon die zweite Zeile ist hier verändert worden: „Mir sollten ganz neue Wunder begegnen“. Leider ist´s in diesem Fall dann gar nicht neu, sondern redundant, wenn es weiter geht mit „Mich fern vom Alten neu entfalten, von dem, was erwartet, das meiste halten“. Und falls die Wunder hier noch Subjekt sein sollten (ein anderes mögliches taucht ja nicht auf) – wenn die Wunder nur das Erwartete beinhalten, sind´s ja keine, und schon gar keine neuen. Wahrscheinlicher ist, dass sich der Satzbau hier einfach verabschiedet hat, und dass mit „Mich fern vom Alten neu entfalten,/ von dem, was erwartet, das meiste halten“. gemeint ist: Ich will mich fern vom Alten neu entfalten, und will von dem, was ich erwartet hab, das meiste erhalten – ja, vermutlich noch komplizierter: Das Leben soll von seinen Versprechungen, die in mir Erwartungen geweckt haben, die meisten halten. Okay, wir Lyrik-Rezipienten haben in unserer Satzung erklärt, dass die Elipse, das Stilmittel der Auslasssung, gestattet sei. Freilich wird diese Bereitschaft hier arg strapaziert, und obendrein dürfen wir fragen: Was willste denn nu?: Das Erwartete oder das Fern-vom-Alten, was man auch einfach das Neue nennen könnte? Oder ist das ganz neue Wunder eben das, was du erwartet hast? Kurz – ich meine: Jenes Festhalten an den Halten—halten-halten-Schlußzeilen gereicht dem Gedicht nicht zum Vorteil.

Wie jedem Text kann ich auch diesem die Frage nicht ersparen: Worum geht´s? Im vorliegenden Fall -wie auch bei Rilkes Panther-Gedicht – erlebe ich meine Rezeption in der Art einer Radfahrt ohne Licht auf einem vertrauten Waldweg: Ich meine, zu wissen, wo es langgeht, kann aber keine konkreten Belegstellen dafür erkennen. Ich ahne mir was zusammen. Die Strofenanfänge „mit Sechzehn“, „und später“, „und heute“ im Zusammenspiel mit dem Chorus lassen vermuten: Da hat wer jung hohe Erwartungen, will sie im Zuge des Reiferwerdens tiefer setzen und merkt dann schlagartig: „Ich sollt / mich fügen (…), ich kann mich nicht fügen!“: die Ansprüche der Jugend, ich hab sie immer noch, und so kann auch der schöne Stabreim weiter erklingen.

So weit der – ich sag mal: erahnte Waldwegverlauf. Unterstützt werden soll die Ahnung durch drei kleine Stationszeiger: Strophe 1: „ich will“, Strophe 2: „ich möcht“, Strophe 3: „ich sollt“, das will, möcht´ und sollt´ wohl eine gewisse Entwicklung darstellen. Dazu weiter unten noch was.

Betrachten wir die drei Wunschzettel. Erstens, „mit Sechzehn“: „Groß sein, siegen, Alles oder nichts“, das mögen Träume der Jugend sein (ich selbst war Feigling und hatte solche Fantasien ehrlich gesagt nie). Aaaaber „froh sein, nie lügen“ – das sind Wünsche, die ich hatte und ganz genauso noch heute habe. Und, nächstes Aaaber: will, wer froh sein will, alles oder nichts? Will, wer Groß sein und siegen will, nie lügen? Ahnt wer nicht vielleicht schon mit Sechzehn, daß die Macht manchmal tricksen muß? Und daß, wer froh sein will – froh zu sein, bedarf es wenig – nicht Vabanque zocken sollte, während die Haltung „ich will entweder alles oder gar nichts“ just dies bedeutet? Ich hege den Verdacht, daß auch hier eine Binnenreim-Assonanz (“groß sein, siegen, froh sein-lügen“) Mutter der Zusammenstellung gewesen sein könnte.

Wunschzettel zwei, „später“: „verstehen, viel sehen, erfahren, bewahren, nicht allein sein und doch frei sein“. Wen oder was sehen Sie als Absenderin dieses Wunschzettels vor sich? Ich haargenau eine Friday-for-future-Teilnehmerin, die sich für Frauenrechte einsetzt. Also just wieder die Sechzehnjährige. Oder mich selbst, der ich diese Wünsche eigentlich Zeit meines Lebens für mich reklamieren konnte. Sagen wir so: Jetzt steht nicht mehr diese Führerposition im Vordergrund, sondern Rezeption. Aber ist das eine Frage des Alters?

Wunschzettel drei: ich sollte mich begnügen, mich fügen. Und merke: Ich kann das nicht, hab immer noch die Allmachtsphantasie. Mag sein, dass Knef eine Kurve erzählen will: Ich war erst Enfant terrible, hab auf den Putz gehauen, bin dann ruhiger geworden, mehr Empfängerin und Zuhörerin, und merke heute: das war falsch, ich muß wieder vollrohr auf die Kacke hauen! Wollte so ein Bogen erzählt werden? Aber erstens würd dann der Chorus nicht zur zweiten Strofe passen, und zweitens steht diese Kurve nicht da! Da stehen vielmehr drei Strophen, die sich m.E. in jeder beliebigen Reihenfolge chronologisieren ließen: Mit Zehn dachte ich: ich möcht verstehen, viel sehen, erfahren, bewahren, nicht allein sein und doch frei sein, mit Zwanzig, als ich meine erste Fastenwoche versuchte, dachte ich: ich sollte mich begnügen, mich fügen und merkte dann (und erst recht, als ich im Schweigekloster war): Scheiße, ich kann mich nicht fügen, und heute sage ich: Hauptsache ist doch, froh zu sein und nie zu lügen. Das war jetzt die Reihenfolge 2-3-1, und ich meine, dass ich diesen Dreizylinder auch in jeder anderen Zündfolge zum Laufen bekäme.

Zum Schluß die beiden unlösbaren Rätsel:
Das erste betrifft die – ich nannte sie: Stationszeiger. Wieso sagtest du mit 16 still: Ich will siegen? Weil´s die Eltern nebenan nicht mitbekommen sollten? Weil der zu besiegende Feind gleich nebenan lauerte? Weil du gerade heißer warst und das Siegeslied nicht laut anstimmen konntest? Oder einfach weil´s binnenreimt?

Warum heißt´s dann anfangs der zweiten Strofe nicht: Später sagte ich n ö c h t ich möcht? Und ist, im Sinne der wohl erstrebten Erwartungen-Senke-Abfolge dieser Stationszeiger, „ich möcht“ wirklich weniger ansprüchlich als „ich will“? Und warum muß anfangs der dritten Strofe die Formulierung „ich sollt“ die Rolle des Schwarzen Peters einnehmen, also die letztlich nicht erfüllbaren Erwartungen von außen repräsentieren, wenn doch der Chorus selbst mehrere Solls ausspricht: Rosen sollen, Wunder sollen, das Gück soll. Der Umgebung erlegt lyrisches Ich alle diese Soll-Aufträge auf, fürs ich selbst aber wären Solls untragbar?

Zweites und schwierigstes Rätsel: wenn´s, im Indikativ und im Präsens, rote Rosen regnen soll, wieso sollen dir dann nicht die Wunder begegnen? wieso sollTen sie das? Und wie bitteschön sollten Sie´s? Sollten sie im Konjunktiv zwei: „eigentlich sollten sie mir jetzt allmählich mal begegnen“? Oder sollten sie in der Vergangenheit: „damals, du, da sollten die kommen, waren schon fest zugesagt“? Dieser kleine Unterschied – rote Rosen soll´s regnen, sämtliche Wunder sollten begegnen – treibt mich manchmal noch im Halbschlaf um. Dort erschien mir neulich die freilich unmögliche Antwort, das lyrische Ich sehne sich nach Verbeamtung, damit die Wunder als Besolltung abgerechnet werden können.

Zusammenfassung: Mich freut´s, dass eins unter Knefs Liedern solch bizarren Text zeigt. Find´s aber auch keineswegs schlimm, dass ich keine weiteren Texte dieser Art dort finde. Oder anders gesagt: Als ich kürzlich auf der Trauerfeier für eine ältere Dama meines Bekanntenkreises kein drittes Lied begleiten musste, weil da die Roten Rosen von CD eingespielt wurden, da saß ich auf meiner Orgelbank und sagte still: Ich will auf meiner eigenen Trauerfeier „Großer Gott wir loben dich“ als Schlußlied haben.

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