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Wunschzettel

Mein wunderbarer geliebter Gatte, es ist Weihnachtszeit, du hast mich um einen Wunschzettel gebeten. Du hast mir schon viele Wünsche erfüllt, ich weiß, daß Du mich auch diesmal nicht enttäuschen wirst. Was ich mir wünsche? Ein Versprechen von Dir. Bitte versprich mir:

Wenn du mich betrügst, dann richtig.

Erweise Dich als Kavalier von Niveau, Deine Geliebte hat Anrecht auf einen perfekten Liebhaber. Zeig Dich stilvoll, gib nicht den beanspruchten, gestreßten Ehemann, der in irgendwas hineinschliddert. Widerlich fände ich, wenn du bereuen würdest. Erspar mir das.

Zeig Manieren, erschein pünktlich zu Verabredungen, mit exorbitanten, immer neu überraschenden Blumen. Gib mir dein Wort darauf: Nie wirst du in ihrer Gegenwart eins dieser fürchterlichen T-Shirts tragen. Unten in deinem Schrank findest du ein Köfferchen mit Wäsche, in der du dich ihr gegenüber sehen lassen kannst. Ich werd´s regelmäßig nachfüllen.

Belästige sie nicht mit Details aus dem Berufsleben, dafür bin ich da. Und denk daran, einmal ist keinmal. Nichts Beiläufiges bitte; keine kleine Affäre, von der du später sagen kannst: Sie hat beigetragen zur Stabilität unserer Ehe. Nein, hinschmelzen sollst du, nimmer wissen, wo dir der Kopf steht. Ich verspreche im Gegenzug, vollkommen zu verzweifeln.

Ein Geständnis? Pfui! Entschuldigungen? Igitt! Alibis? Nix da! Ich verlange ausgefuchste Täuschungsmanöver, abgefeimte Lügen. Laß dir was einfallen! Deine Fähigkeit zum Fabulieren, du weißt, ich bewundere sie. Und falls dir ausgerechnet jetzt nichts mehr einfallen sollte: Auch plumpe Derbheiten wirken reizvoll. Nur Mut!

Wenn sich´s nimmer vermeiden läßt, mich mit deiner Geliebten bekannt zu machen: Dein Ehrenwort darauf, jeglichen Vermittlungsversuch zu unterlassen. Versöhnung, welch eine Peinlichkeit. Du kennst mich, du weißt, wie du mich ihr gegenüber erleben wirst: züngelnde Giftschlange. Alles andere würd die Gebote verletzen, die des Geschmacks wie die der Hygiene.

Und schließlich: Bei unserer Scheidung benimm dich nicht feige. Kein Gequassel von einer gütlichen Lösung! Leg dich ins Zeug, kämpfen will ich dich sehn, tricksen und intrigieren. Gehörst du zu den Schwächlingen? Zu den Romantikern à la „für meine neue Liebe kann ich auf manches Materielle verzichten“? Quatsch, du bist kein Kindskopf! Du erkennst, eure gemeinsame Wohnung wird gewinnen durch den Biedermeiersekretär, den ich von Vater geerbt hab. Falls du mich beschuldigen möchtest: Müllers Tochter Annika ist bereit, ein Verhältnis sexueller Abhängigkeit mit mir einzugestehen. Falls dir ein Attest meiner Unzurechnungsfähigkeit Erleichterung verschafft: Unterschrieben liegt es zur Abholung bereit bei Doktor Müller in der Otto-Suhr-Allee. Ergänzend aushelfen kann ich jederzeit mit einem Tobsuchtsanfall vor den Richtern: Du wirst dich in einer schwierigen Lebensphase befinden, da kann ich dich nicht im Stich lassen. Und falls du selbst einen theatralischen Auftritt benötigst, um zu beweisen, wie nah dir alles geht: Ein Überschlag an der Böschung Havelchaussee wirkt eindrucksvoll und läßt dich unverletzt. Ein rotweißes Pföstchen zeigt die passende Stelle an, Airbag und Sicherheitsgurte hab ich soeben kontrollieren lassen. Dein Ansprechpartner bei der Versicherung ist Herr Weinberger.

Mein wunderbarer geliebter Gatte, es ist Weihnachtszeit, und du hast mir schon viele Wünsche erfüllt. Du wirst mich nicht enttäuschen.