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Vom Gewicht der Wörter

Anmerkungen zur Physik der Sprache

                                                   Semper in ore tibi est virtus, tamen exsulat illa
                                                              pectore. Scin causam? Semper in ore tibi est.

                                                  Immer führst du die Tugend im Mund, verbannt aber ist sie
                                                              aus deiner Brust. Warum? Immer führst du sie im Mund.
                                                                                    Georg Benedict Harlemensis (1563-1588)

 

1. Sprachgenuß

1.1.

Django, der durch die Fußgängerzone geschwankt kommt und dabei lange, laute Vorträge hält; Werner, der bei jeder Betriebsversammlung ans Mikrofon tritt und ausufernd die Strapazen seiner Arbeit als Garderobenmann schildert; Elisa, die im Urlaub stundenlang Kreuzworträtsel löst; Markus, der sich zu Beginn jeden Semesters auf die ausländischen Neustudenten stürzt und sichtlich entflammt seine rudimentären Englisch-, Französisch- und Spanischkenntnisse vorführt; Olli, der in der Frühstückspause auf die Kollegen einschwadroniert; Karin, die Telefon-Quasselstrippe; Nicola, die abends in ihr Tagebuch schreibt, um es dann in die abschließbare Schublade zu sperren; Corinna, die in ihr Tagebuch schreibt, um es dann auf ihrer Facebook-Seite auszustellen; Frieder, der Mittwoch für Mittwoch bei der Offenen Bühne auftritt, jedesmal mit einem eigens verfaßten Gedicht – sie alle repräsentieren ein auffälliges Phänomen: Der Umgang mit Wörtern kann Lust bereiten; Wörter zu gruppieren, zu sortieren und zu arrangieren, verschafft Befriedigung. Wieso?

1.2

Zweifellos muß es verschiedene Ursachen geben; zweifellos gilt es zunächst zwischen Sprechen und Schreiben zu differenzieren. Jene Faszination, die ein Redner vor Publikum bei seiner Tätigkeit empfindet, scheint sich aus anderen Quellen zu speisen als diejenige, die den Schriftsteller am einsamen Schreibtisch beglückt – zum Teil aus anderen Quellen. Wobei ich den Aspekt der Zeitverhältnisse gar nicht berücksichtige. Daß der Redner sein Publikum in der Gegenwart, augenblicklich, erreicht, während der Schreibende auf Publikumskontakt in der Zukunft hofft, dieser Unterschied soll hier nicht erörtert werden. Hervorheben will ich, daß beim Sprechen ein Schallereignis hinzukommt, das beim Schreiben in dieser Form nicht zu finden ist (das Klickern meiner Tastatur zählt nicht).

2. Lärmlust

Lärm zu erzeugen, ob mit dem Moped, mit der Elektrogitarre oder der eigenen Stimme, kann Lust verschaffen, ja, speziell im letzteren Fall auch unmittelbar körperliches Wohlbefinden. Ein Lied davon singen kann die Amsel ebenso wie mein kleiner Kater, der, seit er den Klang seiner Stimme entdeckt hat, bisweilen stundenlang vor sich hintönt – nicht zu vergessen den Säugling, der sein Geheul nicht allein zur Verkündigung von Not ertönen läßt, sondern bisweilen aus purer Lust am Lärm. Auch mancher Erwachsene genießt es, Schall zu erzeugen, ohne daß dabei explizit Wörter geformt würden: Da wären Dieter, der unter der Dusche seinen Baß dröhnen läßt; Ralf, dessen Stimme während der buddhistischen Meditation erklingt; Jussuf, der bei der Arbeit in der Restaurantküche trällert; Ernst, der laut vor sich hinpfeift, nicht anders, als es, der Redensart zufolge, der Wanderer im dunklen Walde tut. Unbeschadet der Tatsache, daß die Wirkung auf ein Publikum mitunter mit einkalkuliert sein mag, gilt doch in diesen Fällen: Erster Rezipient der Lärmerzeugung ist der Lärmerzeugende selbst. Bestärkung und Vergrößerung der eigenen Person, dergleichen scheint Gelärme dem Lärmenden vermitteln zu können. Einst auf meinem Kinderfahrrad prustete ich Motorgebrumm oder wertete das Gefährt durch einen in den Speichen klackernden Langnese-Eis-Stiel auf – Hilfsmittel, die meine Illusion, Autorennfahrer zu sein, bekräftigten. Ähnlich, auf dem Wege der Autosuggestion, mag das Pfeifen dem Wanderer ein Stück Selbstvertrauen verschaffen: mit seiner fröhlichen Melodie will er Unbekümmertheit ausstrahlen, und überzeugt damit wohl zumindest sich selbst. Und entsprechend im Falle des Singens: Nicht allein zur Dokumentation von Wohlbehagen taugt es – vorher schon kann es (ebenso wie Ralfs Tönen bei der Meditation) dazu beitragen, Wohlbehagen überhaupt erst herzustellen. So versucht sich Gretchen im Faust, als die Mutter allzulang ausbleibt, zu ermutigen, indem es ein Lied anstimmt; eins, das von unverbrüchlicher Treue handelt, von jener des Königs in Thule nämlich. Restaurantkoch Jussuf schließlich mag sich durch seinen Gesang bei der schweißtreibenden Arbeit eigene Unangestrengtheit vorgaukeln, und sie womöglich sogar erreichen.

3. Wortsport

oder: Warum es uns beschwingt, zu sprechen

3.1.

Gleich, ob mit oder ohne Wörter getönt wurde – allen soeben genannten Beispielen gemein ist, daß die Tönenden keine Sätze zu formulieren hatten: Wo, wie bei Gretchen, Dieter und Jussuf, Text verwendet wurde, geschah es auswendig, auf vorgefertigte Sätze wurde zurückgegriffen. Anders verhält es sich im Falle Djangos, des eingangs erwähnten wandelnden Predigers in der Fußgängerzone. Auch wenn sich in seinen Vorträgen Überschneidungen und Wiederholungen finden, zeigen sie sich doch von Tag zu Tag variiert. Eindeutig, Django leistet nicht nur die Aktion der vokalen Klangerzeugung, auch Formulierungsarbeit bewerkstelligt er. Interesse freilich zeigt seine Umgebung kaum, aufmerksame Zuhörer kann er nicht verbuchen. Was seiner Redelust keinen Abbruch tut. Hier gleicht Django dem singenden Vogel, dem beim Meditieren tönenden Buddhisten oder dem trällernden Badewannenbenutzer: Wie ihnen ist es ihm nicht zunächst um ein Publikum zu tun; die pure Aktion schon beschert Genuß. Und Stabilität – bei seiner wackligen Fortbewegung scheint sein Schwadronieren Django nachgerade aufzurichten. Möglicherweise überzeugen seine im Tonfall bedeutender Erkenntnisse und Appelle vorgetragenen Reden zumindest seinen einzigen echten Zuhörer – ihn selbst; und helfen so, die Befürchtung völliger Gewichtlosigkeit seiner Person einzudämmen.

3.2.

Einer sagt über Django: „Der hört sich gern reden.“ Eine griffige Wendung. Fragt sich bloß, ob sie zutrifft? „Gern“, ja – eindeutig tut er, was er tut, nicht ungern. Aber: hört er sich tatsächlich? Mir scheint, daß nicht mal Django selbst sich zuhöre. Worunter freilich seine Gesprächslust nicht leidet. Wie dem Sänger oder dem tönenden Buddhisten verschafft auch ihm die Aktion unmittelbar körperliche Erfüllung. Unmittelbar – des Umwegs übers Gehör bedarf´s nicht. Erfüllung, für die auch diesmal wieder die kräftigende, gleichermaßen lockernde wie stabilisierende Wirkung des eigenen Tönens verantwortlich zeichnen mag – zum Teil. Aber nicht ausschließlich. Dazu bei trägt überdies die erfolgreiche Bewältigung jener zweiten Tätigkeit, die vermutlich weitaus stärkeren Aufwand erfordert: der Tätigkeit des Formulierens. sichtlich kann auch die Bewältigung diesen Aufwands Lust bereiten.

3.3.

Diese Quasselstrippen! Da gibt´s den Hausmeister, die Oma im Fleischerladen, den angeheiterten Regisseur im Weinlokal, nicht zu vergessen diverse Vertreter der Dauertelefonierer-Fraktion. Von den letztgenannten behaupten Lästerzungen, daß es ihrem Geschnatter nichts anhaben könne, wenn ihr Opfer den Hörer beiseite lege. Jedenfalls kann ich bestätigen: Die zeitweiligen Einlassungen von uns Opfern bleiben oft ohne jegliche Wirkung auf den Quasselstrom. Vorkommen mag´s, daß jemand beim Sex mit einem Partner nichts anderes betreibt als Selbstbefriedigung. Analog findet sich der Fall, daß etwas, was sich nach außen hin wie ein Gespräch anhört, tatsächlich nichts anderes darstellt als einen Monolog mit einer Statistenrolle. Ja, es gibt Situationen des Sprechens, in denen Zuhörer nachgerade unerwünscht sind. Lady Henry in Oscar Wildes „Picture Of Dorian Gray“ kennt dergleichen:

„I like Wagner´s music better than anybody´s. It is so loud that one can talk the whole time without other people hearing what one says. That is a great advantage: don´t you think so, Mr. Gray?“

Jene eingangs erwähnte Nicola, die ihr Tagebuch sorgfältig verbirgt, wünscht keine Leser als sich selbst. Keiner Aussicht auf Publikum, auf Autorenhonorare oder Ruhm bedarf ihre Freude am Schreiben. Die manuelle Tätigkeit der Schreibbewegung einerseits, die mentalen Tätigkeiten des Gedankenordnens und Wörtersortierens beim Formulieren zum andern, aus diesen Quellen speist sich ihr Schreibgenuß.

Hauptsatz I

Ähnlich wie vom Singen oder Pfeifen gilt auch vom Sprechen und Formulieren:

Ihre primäre Wirkung üben sie auf denjenigen aus, der spricht und/oder formuliert. Dieser ist erster Rezipient des Formulierten. Weitere Rezipienten und die Wirkungen, die auf sie ausgeübt werden, sind als sekundär anzusehen.

3.4.

Noch einmal: Was gibt die Handlung des Sprechens dem Sprecher? Welche positiven Empfindungen kann es ihn erlangen, welche negativen loswerden lassen? Wie gesagt, mit Lärmerzeugung allein ist´s beim Sprechen nicht getan. Wofern nicht auswendig rezitiert oder nachgeplappert werden sollte, gilt es, den Zusatzaufwand des Formulierens zu meistern.

Betreten wir das Studentenwohnheim Hardenbergstraße, betrachten wir einen weiteren der eingangs erwähnten Zeitgenossen: Markus. Erst kürzlich ist er bei den Eltern ausgezogen, und Markus lebt sichtlich auf in der neuen Umgebung. Stundenlang hält er sich in der geräumigen Küche auf, Gegenpol zu den Mitbewohnern und ihrem rastlosen Kommen und Gehen.

Regelrecht aufzublühen scheint er, wenn Gespräche auf Englisch, Französisch oder Spanisch zu führen sind. In diesen Sprachen kann er sich einigermaßen verständigen, er genießt es, seine Fertigkeiten anzuwenden. Dabei wirkt er beschwingt und gut durchblutet, ähnlich einem Sportler, der Leistung abruft. Markus´ Laune, sein Selbstbewußtsein erscheinen gesteigert – wie zumeist bei jemandem, der flüssig etwas bewerkstelligt, was er wenig zuvor noch mit Mühe lernen mußte. Eher unlustig zeigt sich Markus, sooft er zum schnöden Deutschen zurückkehren muß. Das fordert ihn nicht, da kühlt er ab; ein Windhund fällt mir ein, der eben noch einem Hasen hinterhergejagt war und jetzt wieder brav neben Herrchen hertrotten muß.

Schachspieler, Kreuzworträtsler, Sudokufreunde bestätigen´s: Das Wohlbefinden einer gymnastischen Angeregtheit kann nicht nur in den Energieleitungen unserer Muskeln entstehen, sondern ebenso in denen des Gehirns. Wenn die Schwierigkeit der Aufgabe, dem jeweiligen Trainigsstadium entsprechend, annehmlich dosiert ist, wenn ihre Lösung weder zu leicht noch zu schwer fällt, verschafft körperliche Tätigkeit Befriedigung – auch für die körperliche Tätigkeit der Gehirnströme scheint dies zu gelten. Was der modische Begriff „Gehirnjogging“ ebenso bezeugen mag wie der bewährte des „Denksports“. Was ist´s, was Markus so exzessiv betreibt? Wortsport.

3.5.

Daß schwere geistige Arbeit, nicht anders als schwere körperliche Arbeit, gesteigerten Kalorienverbrauch bedingt; daß Energie nicht allein in den Muskeln von Holzfällern oder Müllmännern, sondern in kaum geringerem Maße im Gehirn und Nervensystem gestresster Journalisten, Fluglotsen oder Busfahrer verbrannt werde, ist längst erkannt worden. Geistige Tätigkeit kann in erheblichem Maße Energie verbrauchen. Dies muß insbesondere auch für die Tätigkeit des verbalen Formulierens gelten: Signifikante Verhaltenweisen von Sprechenden und Schreibenden lassen sich zu einem Gutteil eben durch die Notwendigkeit des Energieaufwands erklären. Als sehr hilfreich erfahre ich dabei die Idee von Wörtern als materiellen Körpern. Wörtern eignet physische Masse.

Hauptsatz II

Sprachliches Formulieren fordert Energieaufwand. Mit seiner Bewältigung einherzugehen pflegen entsprechende Begleiterscheinungen von Eigendynamik, Ermüdung, Genugtuung etc.

3.6.

Jemandem verschlägt es die Sprache, jemand ringt mit ihr, jemand redet sich in Fahrt, jemand kämpft um Worte, jemand klammert sich an sie, jemandem fehlen sie: Solche Wendungen stellen Sprache als physische Materie dar, mit welcher zu hantieren körperlichen Aufwand erfordert. Auch Heinrich von Kleist exponiert in seinem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ die bildhafte Vorstellung, daß Wörtern Masse und Massenträgheit eigne. Kleist beobachtet, daß Leute, die in einer Diskussion erst spät zu Wort kommen, sich oft verhaspelten: „Der plötzliche Geschäftswechsel, der Übergang ihres Geistes vom Denken zum Ausdrücken“ bereite Mühe. Sei aber die Trägheit erst überwunden, eigne der Sprache Bewegungsenergie. Nunmehr bilde sie ein Schwungrad, das jetzt seinerseits dem Denken auf Touren helfen könne: „Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites, mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse.“ Daher sei Sorge zu tragen, „daß uns die Sprache mit Leichtigkeit zur Hand sei, um dasjenige, was wir gleichzeitig gedacht haben, und doch nicht gleichzeitig von uns geben können, wenigstens so schnell als möglich, aufeinander folgen zu lassen.“

Dazu paßt jene Empfehlung, die sich in vielen Anleitungen zum kreativen Schreiben findet: Morgens gleich nach dem Erwachen gelte es, zügig ein, zwei Seiten herunterzuschreiben, um die Formulierungsmaschinerie in Bewegung zu versetzen. Das heißt, Morgengymnastik zu treiben auf einem Trimmrad, dessen Schwungmasse aus den Gewichten Substantiv, Adjektiv, Verb, Artikel besteht.

3.7.

Welt der Wörter einerseits, Welt der Handlungen andererseits – wie nah beieinander oder fern voneinander sie zu verorten seien, darüber ist seit Jahrhunderten nachgedacht worden. Wenig Beachtung fand in den  Überlegungen der Faktor des Energieaufwands, und schlicht unterschlagen wird er in jenen populärlinguistischen Schaubildchen, die den Vorgang der sprachlichen Vermittlung auf die drei Elemente Sender, Nachricht und Empfänger herunterrechnen. Die sprachlich vermittelte Botschaft bildet dabei einen Verweis, der kein  Eigengewicht aufweist und keinen Platzbedarf – vergleichbar einem Luftpostbrief, der fast nichts wiegt, oder dem Alias einer Datei auf dem Computer, das so gut wie keinen Speicherplatz beansprucht. Im deutlichsten Gegensatz dazu weiß jeder, der sein Handy mit den letzten Resten der Akku-Kapazität betreiben muß: Senden kostet. Eben diese Energiebilanz interessiert mich: Wieviel kostet es, zu sprechen?

3.8.

In seinem Roman „Auch Einer“ bezeichnet Friedrich Theodor Vischer ein Gespräch als „Kraftäußerung“: „So begann nun (…) das Gespräch der Männer, auf der Höhe seiner Kraft angekommen, sich in eine Kraftäußerung anderer, und zwar jener tätigen Art aufzulösen, welche wir durch das Wort Keilerei zu bezeichnen pflegen.“

Zwar bleibt die Ironie hier unüberhorbar. Gleichwohl gilt: Wie der in eine Keilerei Verwickelte mag auch ein sprudelnder Gernsprecher den Betriebszustand seiner Kraftäußerung nur widerwillig aufgeben. Unterbrochen zu werden, Einwände zu registrieren – so etwas bedeutet frustrierende Abkühlung. Umso strahlender die Zufriedenheit, wenn ein Vertreter der Quasselzunft sich lang und breit auslassen durfte. Des öfteren erlebte ich, daß jemand, der mir gegenüber monologisierte, sich anschließend für das „hervorragende Gespräch“ bedankte. Auch Wildes Dorian Gray erlebt das: Im Anschluss an ihre monologischen Auslassungen, aus denen ich oben zitierte, resümiert Lady Henry: „We have had such a pleasant chat about music.“

3.9.

Ist nämlich das Schwungrad in Gang, dann läuft es; und läßt sich nicht leicht wieder abbremsen: Im ICE hock´ ich mich gern im Türbereich auf den Teppich hin, da hab ich meine Ruhe – während der Fahrt. Laut wird´s in den Stationen; so auch jetzt, da der Zug im Bahnhof Wilhelmshöhe zum Stehen gekommen ist. Aufwendig drängelt eine Mutter mit kleinen Kindern herein, während ihre Freundin draußen auf dem Bahnsteig zurückbleibt. Diese reicht nun die Gepäckstücke nach drinnen, wobei sich die beiden Frauen erregt unterhalten; speziell die Eingestiegene nutzt die Zeit, der Freundin unmittelbar vorm Abschied noch allerhand mitzuteilen. Dann schließt sich die Tür, akustisch isoliert winkt die Freundin von draußen, die Mutter aber kann ihren Redeschwall nicht abbrechen. Vielmehr instruiert sie, in unvermindertem Tempo und unverminderter Lautstärke, ihre Kinder: wer was zu tragen habe, wohin sie zu gehen hätten etc. Zu Aufregung und Hektik besteht kein Grund mehr, der Zug ist nur locker besetzt, kein Gedrängel vonnöten. Doch noch hält der Redeschwung an; erst allmählich, da die Familie in Richtung ihrer Sitzplätze aufgebrochen ist, in einiger Entfernung bereits, ebbt er ab.

Jener Eigendynamik, die das Sprechen entwickeln kann, trägt Wittgensteins Begriff der „Sprachspiele“ Rechnung. Sprache, sobald einigermaßen entwickelt, bietet Material zu geselligen wie einsamen Amusements, die uns, mehr oder weniger entkoppelt von den Ereignissen der konkreten Welt, vollkommen beschäftigen und auslasten können.

3.10.

„A Rolling Poem“ lautet die Überschrift eines Gedichts von Charles Bukowski, das nach Art eines Schwungrades in Fahrt gerät und dann mühsam gestoppt werden muß:

(…)

this one photographed Kay Boyle in her garden

that one fucked her

this one went to college

that one burned it down

this one killed his best friend

that one buried him

this one lived on rice for 2 years

that one died on a chickenbone

(…)

and how do you end a poem like this?

where do you end a poem like this?

how do you round it off?

how do you escape?

where´s the exit?

(…)

end. end. end. end. end. end. end. end. end. end.

Ludwig Thoma vergleicht ein schwadronierendes junges Mädel mit einer Spieluhr: In der Episode „Gretchen Vollbeck“ aus den „Lausbubengeschichten“ breitet die Titelheldin, eine ehrgeizige Schülerin, in großspurigem Monolog ihre Lateinkenntnisse aus. Drei Viertel des Publikums – die Eltern Vollbeck sowie die Mutter des Ich-Erzählers nämlich – zeigen sich tief beeindruckt; das vierte Viertel, der Erzähler selbst, weniger:

„Vorläufig saß ich grimmig da und redete kein Wort. Es wäre auch nicht möglich gewesen, denn das Frauenzimmer war jetzt im Gang und mußte ablaufen, wie eine Spieluhr.

Sie bewarf meine Mutter mit lateinischen Namen und ließ die arme Frau nicht mehr zu Atem kommen; sie leerte sich ganz aus, und ich glaube, daß nichts mehr in ihr darin war, als sie endlich aufhörte. Papa und Mama Vollbeck versuchten das Wundermädchen noch einmal aufzuziehen, aber es hatte keine Lust mehr und ging schnell weg, um die Scheologie weiterzustudieren.“

4. Energiekosten

oder: Warum wir das, was wir ankündigen, nicht tun

4.1.

Kehren wir noch einmal zu Markus zurück und lauschen einem seiner Küchenvorträge. Worum geht es? Ums Studium. Markus redet übers Studieren, und zwar in solcher Ausdehnung, daß er nicht zum Studieren kommt. Umfangreiche  Darstellungen seines Studiengangs referiert er – nicht als Fachmann, da er seine Institute kaum je betreten hat, sondern als Einäugiger unter Blinden: als einer, der erst wenig in eine Materie eingetaucht ist, und eben deswegen umso lockerer und nachvollziehbarer den überhaupt nicht Eingetauchten davon referieren kann. „Du hast leicht reden“, sagt man von jemandem, der von einer Thematik nicht in starker Intensität betr ist. Schwerer fällt´s, über das zu sprechen, was einen zentral und gewichtig belastet. Markus redet leicht.

Ähnliches gilt für jene Landratte, die in der Kneipe die ausuferndsten Seefahrerabenteuer vorträgt; Ähnliches für den Autor, der in erfolgreichen Romanen über den Wilden Westen dozierte, ohne sein sächsisches Heimatland jemals verlassen zu haben: Auf der Ebene der Sprache läßt jemand Handlungen stattfinden, auf der Ebene der konkreten Wirklichkeit unterbleiben sie.

Oder im umgekehrten Fall: Jemand redet nicht vom Handeln, er handelt.

Kurz zusammengefaßt finden sich beide Verhaltensweisen in einem Gleichnis Jesu: „Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, gehe hin und arbeite heute in meinem Weinberg. Er  antwortete aber und sprach: Ich will´s nicht tun. Darnach reute es ihn und er ging hin. Und er ging zum andern und sprach gleichalso. Er antwortete aber und sprach: Herr, ja! – und ging nicht hin.“ (Matthäus 21, 28-30)

„Hunde, die bellen, beißen nicht“, sagt das Sprichwort. Menschen, die Großes ankündigen, unterlassen dann oft, es auszuführen; und umgekehrt.

„You never say a moral thing, and you never do a wrong thing.“ (Oscar Wilde, Dorian Gray)

„Der ist noch nicht am schlimmsten daran, der viel zu klagen hat, und alle Tage etwas anders. Erfahrung und Übung im Unglück lehrt schweigen.“ (Johann Peter Hebel, Nützliche Lehren)

„“Wir wollen jeden Spieler jeden Tag besser machen“; hat Jürgen Klinsmann bei Bayern angekündigt – und scheiterte. Felix Magath würde so etwas nie sagen – aber er schaffte es.“ Bild-Zeitung online, 31.12.2009

Als Folgerung hieraus formuliere ich

Hauptsatz III – meinen Haupt-Hauptsatz:

Die in der Sprache erzeugte Welt stellt kein Analogon der konkreten Welt dar, sondern, im Gegenteil, ein Komplementär, ein Instrument des Ausgleichs.

4.2.

Vorzuherrschen pflegt die konträre Auffassung: daß sich Sprache und konkrete Welt in Parallelschaltung verbunden fänden: Wörter benennen und verweisen auf das, was außerhalb der Sprache vorfällt und vorzufinden ist. Aus den in einer bestimmten Kulturstufe vorhandenen Wörtern läßt sich die Beschaffenheit dieser Kultur rekonstruieren. Beispielsweise ermöglicht, mit den Worten des Philologen Lutz Mackensen, „das indogermanische Erbgut unseres Wortschatzes, (…) die Umwelt der Urzeit in ziemlich deutlichen Umrissen entstehen zu lassen.“

Noch für heutige Sprachen gilt: wo viel Schnee – bei den Eskimos etwa -, da viele Wörter für Schnee; wo kein Schnee, da wenige oder keine Wörter dafür. Als vordergründige Aufgabe der Sprache erscheint hier das Benennen, dem im primitiven Stadium des Sprachgebrauchs eine hervorragende Rolle zukommt. Mit seinen ersten Wörtern pflegt ein Kleinkind wichtige Erscheinungen seiner Umgebung zu benennen: Papa, Mama, Auto. Und auf meiner ersten Rom-Reise beschränkten sich meine Italienischkenntnisse auf Substantive, die Landestypisches benannten: Pizza, Pasta, Vino.

Solche rein benennende Verwendung der Sprache findet sich auch noch im heutigen Alltag, beispielsweise, wenn jemand seinem Gegenüber einen Einkaufszettel diktiert. Dieser wird umso länger ausfallen, je mehr Gegenstände zu besorgen sind – hier zeigen sich Sprache und konkrete Wirklichkeit in analogem Verhältnis verbandelt. Auch im Falle der Meldung (die schlicht eine spezielle Art der Benennung darstellt) findet sich dieses analoge Verhältnis: Erdbeben, Überschwemmung, Vulkanausbruch – solche Ereignisse bewirken Hilferufe, Sonderberichte, Zeitungs-Extraausgaben; tut sich auf der Seite der Gegenstände und Handlungen viel, dann rappelt´s auch drüben auf der Seite der Wörter.

Indessen, im zivilisierten Sprachgebrauch stellen diese Beispiele Ausnahmeerscheinungen dar. Im Normalfall, in der Konversation, erscheinen äußere Ereignisse und Wörter in negativ reziproker Quantität: Im Aufenthaltsraum, während der Bereitschaft, verliert der Feuerwehrmann deutlich mehr Worte als am Einsatzort beim Großbrand.

4.3.

Regelmäßig muß ich´s erfahren: Jene Energie, die ich benötige, ein wichtiges Gespräch zu führen oder einen Brief zu schreiben, steht dann nicht mehr für praktische Tätigkeiten zur Verfügung. Was will ich heute tun? Ich will die Umzugskisten in den Keller schleppen, ich will meiner Tante schreiben. Ich schreibe meiner Tante: Danke für Deinen Brief, mir geht´s gut, jetzt muß ich schließen, weil ich noch Umzugskisten in den Keller schleppen muß. Als ich diesen Brief verfaßt hab, bin ich so erleichtert, daß ich das Schleppen der Umzugskisten auf morgen verschiebe. Oder aber: Ich schleppe die Umzugskisten in den Keller, als das geschafft ist, bin ich so erschöpft, daß ich den Tantenbrief auf morgen verschiebe. Wo Sprachaufwand betrieben  wird, wird konkreter Handlungsaufwand unterbleiben, und umgekehrt. Ein zweites Beispiel: Letzte Woche war kein Skatblatt da, da haben wir übers Skatspielen philosophiert. Diese Woche hab ich ein Kartenspiel mit, wir spielen – und reden so gut wie nichts.

Gesprochen wird bevorzugt da, wo sonst nichts geboten ist – dieses Verhältnis zwischen Sprache und außersprachlicher Wirklichkeit findet sich beispielhaft als Ausgangssituation alter Geschichtenerzähler-Zyklen: Die Novellen von Bocaccios Dekameron werden vorgetragen, um die Zeit auf dem Lande zu überbrücken, bis die Pestepidemie in Florenz vorbei ist; in Hauffs „Wirtshaus im Spessart“ gilt es, sich wachzuhalten, da der Überfall einer Räuberbande zu erwarten ist. Und wo gesprochen – bzw. zugehört – wird, wird nicht gehandelt: Scheherazade, wie auch der Titelfigur in Gottfried Kellers Märchen „Spiegel, das Kätzchen“,  gelingt es, durchs Erzählen die fatale Handlung der eigenen Hinrichtung hinauszuzögern und schließlich zu verhindern.

4.4.

Jenes Bewußtsein des Energiebedarfs beim Sprechen – bar liegt es auch der alten Vorstellung zugrunde, Schweigen steigere, oder ermögliche überhaupt erst, die Wirkung bestimmter Handlungen. Das „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ verzeichnet das Schweigen „als bewußte Übung des Nichtredens, in der ausdrücklichen Absicht, sich dadurch zu etwas Außergewöhnlichem zu befähigen, seine Kräfte für bestimmte Fähigkeiten zu steigern. (…) Schweigen ist eine feststehende Zugabe zu den wichtigsten agrarischen Arbeiten und Bräuchen“. Die Aufzählung der Beispiele gestaltet sich ellenlang: „Das Saatkorn muß schweigend aufs Feld gefahren werden; beim Einschütten des Samens soll sich der Bauer feierlicher Stille befleißigen. Beim Säen spricht er kein Wort und dankt auf keinen Gruß. (…) Ebenso schweigt man beim Erbsenlegen, indem man drei Erbsen unter der Zunge hält. Damit der Flachs gedeiht, gehen Frauen am Johannistag um das Feld und fassen ihn schweigend an.“ Osterwasser „heißt auch das stille Wasser, weil es unter Schweigen geschöpft werden muß, nur dann hat es die Zauberkraft.“ Begreiflich – „zu etwas Außergewöhnlichem“ bedarf es der vollen Energie; nichts davon soll durch Sprechen vergeudet werden.

4.5.

Daß das wörtliche Ausformulieren einer Faszination eben diese Faszination auslöschen könne, diese Erfahrung war Oscar Wilde bekannt. Präzise skizziert er sie in seiner Erzählung „The Portrait of Mr. W.H.“: Der Ich-Erzähler erfährt von der Theorie eines verstorbenen Forschers, derzufolge Shakespeares Sonette einem gewissen Willie Hughes gewidmet seien. Die Theorie begeistert ihn, mit wachsendem Eifer sammelt er Indizien, um sie schließlich in einem Brief zusammenzufassen.

„I put into the letter all my enthusiasm. I put into the letter all my faith. No sooner, in fact, had I sent it off than a curious reaction came over me. It seemed to me that I had given away my capacity for belief in the Willie Hughes theory on the Sonnets, that something had gone out of me, as it were, and that I was perfectly indifferent to the whole subject.

What was it that had happened? It is difficult to say. Perhaps, by finding perfect expression for a passion, I had exhausted the passion itself.

Emotional forces, like the forces of physical life, have their positive limitations.

Perhaps the mere effort to convert any one to a theory involves some form of renunciation of the power of credence.“

Ähnliches erfährt der Maler Basil Hallward im „Dorian Gray“, als er den ungeheuren Einfluß Dorians auf sein Schaffen eben diesem Dorian gegenüber benennt:

„Whatever I have done that is good, I owe to you. (…) It was not intended as a compliment. It was a confession. Now that I have made it, something seems to have gone out of me. Perhaps one should never put one´s worship into words.“

Und Heinrich Heine orakelt in seiner „Romantischen Schule“, daß eine Kunstepoche durch ihre exakte Untersuchung und Darstellung die Faszination auf ihre Jünger einbüßen müsse: „Jede Zeit ist eine Sphinx, die sich in den Abgrund stürzt, sobald man ihr Rätsel gelöst hat.“

5. Energiesparer

5.1.

Energie, sagte ich oben, kostet nicht nur das physische Sprechen, Energie kostet erst recht das sprachliche Formulieren. Und zwar umso mehr, je weniger auf vorgefertigte Formulierungen zurückgegriffen werden kann. Stehen solche zur Verfügung, fällt spontanes Reden weitaus leichter. Auch dieser Sachverhalt findet sich schon bei Kleist dargestellt: Er zeige sich etwa, „wenn e, und unterrichtete Köpfe examiniert werden, und man ihnen, ohne vorhergegangene Einleitung, Fragen vorlegt, wie diese: was ist der Staat? Oder: was ist das Eigentum? Oder dergleichen. Wenn diese jungen Leute sich in einer Gesellschaft befunden hätten, wo man sich vom Staat, oder vom Eigentum, schon eine Zeit lang unterhalten hätte, so würden sie vielleicht mit Leichtigkeit, durch Vergleichung, Absonderung und Zusammenfassung der Begriffe, die Definition gefunden haben. Hier aber, wo die Vorbereitung des Gemüts gänzlich fehlt, sieht man sie stocken“.

Kein Wunder, daß gerade in Interviews gern auf bewährte und modische Floskeln zurückgegriffen wird. Oder in den Livereportagen der Sportreporter: Der Stürmer „muß da hingehen, wo es wehtut“, der Mittelfeld-Regisseur „kann das Spiel lesen“, „der Pokal hat seine eigenen Gesetze“, „das Tor will nicht fallen“: Vorgefertigte, modisch weitverbreitete Redensarten – sie sind´s, die der Sprecher auf die Schnelle verfügbar findet.

5.2.

In einem der „Monsieur Teste“-Texte Paul Valérys erwähnt Mme. Teste „meine alte Gabe, die Welt mit Augen desjenigen Malers zu sehen, dessen Bilder ich mir eben eingedrückt“. Ich selbst beobachte an mir die Gabe, Gedanken und Assoziationen hervorzubringen im Sprachduktus des Autors, den ich gerade gelesen habe. Genau betrachtet handelt es sich um Bequemlichkeit meinerseits: Bewegungsenergie und Bewegungsart des Wörter-Schwungrads, das jener Autor in Gang setzte, werden von den Formulierungs-Abteilungen meines Körpers aufgenommen und genutzt. Nicht anders als ein Kleinkind rette ich mich aus meiner Sprachlosigkeit durch Nachahmung, als Trittbrettfahrer fremder Energie-Investitionen.

5.3.

Solche Trittbrettfahrerei ist gang und gäbe – wer nachplappert, spart sich die Formulierarbeit. Geradewegs penetrant wirkt diese Faulheit da, wo es ehemals originelle Formulierungen sind, die, in mittlerweile angejahrtem Zustand, vom Sprecher weiterverbreitet werden.

„Leute, die eine Frage mit JAIN beantworten, die sagen DA BIN ICH ÜBERFRAGT oder DA MUSS ICH LEIDER PASSEN oder die HEISS UND INNIG lieben, betrachte ich mit gewissen Vorbehalten und verlange von ihnen zusätzliche Qualitäten, mit denen sie diese Entgleisungen wettmachen“, notierte Wolfgang Hildesheimer. Wobei die „Entgleisung“ in diesem Fall eben darin besteht, daß das Gleis vorgefertigter Patent-Wendungen nicht verlassen wurde. Ich könnte Hildesheimers Aufzählung ellenlang ergänzen, stellvertretend seien seinen vier Beispielen vier weitere hinzugefügt: MEIN GÖTTERGATTE, ZUM BLEISTIFT, EIN INNERER REICHSPARTEITAG, LIEBER ARM DRAN ALS ARM AB.

5.4.

Für Therapeuten oder Schauspiellehrer liefern Körperhaltung, Gang, Minenspiel einer Person Rückschlüsse auf deren Wesensart: Zeige mir, wie du gewohnheitsmäßig deine Muskeln gebrauchst, und ich kann dich einschätzen. Analog kann der Sprachgebrauch eines Gegenübers als Selbstbarung mehr oder weniger erschöpfend ausgelesen werden. Nicht selten erweist er sich als Attitüde: Vierzehnjährige werfen gern mit soeben erworbenen Fachausdrücken oder fremdsprachlichen Wendungen um sich im Bestreben, weltgewandt und erwachsen zu wirken. Ähnliche Absichten verfolgen der ländliche Brautvater oder der nichtakademische Gewerkschafter, wenn sie ihre Reden mit klassischen Zitaten spicken, die der Buchclub-Ausgabe eines Rhetorik-Handbuchs entnommen wurden. Gymnasialdirektoren lassen Lateinisches, Griechisches oder Französisches einfließen (Englisch gilt zur Zeit als ungebildet), evangelische Pfarrer bemühen sich um Anleihen bei einem vermeintlichen Jugendslang, den freilich außer ihnen einzig noch der örtliche Juso-Vorsitzende verwendet. Und Chefs erzählen Witze, um sich ein Odeur der Jovialität zu verleihen und somit die Machtbefugnisse zu kaschieren. Ganz in dieselbe Richtung weist eine Benimmregel, die ich dem Zedlerschen Universallexicon (1731-1754) entnehme:

„Ferner so muß man bey vornehmen Leuten schweigen, wenn man nehmlich nicht weiß, daß es ihnen angenehm ist, discouriren zu können: hingegen bey geringeren Leuten muß man nicht schweigen, denn man kann deren Liebe nicht eher erlangen, als wenn man viel discouriret.“

Eine Maxime, die von den witzeerzählenden Chefs aufs treulichste beherzigt wird.

„Denn deine Sprache verrät dich“ – der Satz, den Petrus im Hof des Hohenpriesters zu hören bekommt, kann allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Dramatiker und Romanautoren bedienen sich des ebenso einfachen wie wirksamen Mittels, eine Figur markant zu kennzeichnen durch einen bestimmten Ausdruck oder eine Redewendung, die sie wiederholt im  Munde führt.

5.5.

Im Werk des ers Ludwig Hohl (1904-1980) wird als zentraler Begriff das „Arbeiten“ etabliert. Grob übersetzen ließe er sich als „Hinwirken auf individuelle Selbstverwirklichung“. „Arbeiten“ im Sinne Hohls heißt: Jeder Einzelne hat diejenige Tätigkeit anzustreben, die nur ihm, keinem Menschen sonst, möglich ist. Findet er sie und übt sie aus, werden ihre Wirkungen über die Lebenszeit hinaus Bestand haben: „Arbeiten ist nichts anderes als aus dem Sterblichen übersetzen in das, was weitergeht.“

Wer „arbeitet“, zielt darauf ab, seinen individuellen Anlagen und Begabungen Niederschlag in der objektiv-allgemeinen Welt zu verschaffen. Insofern bedeutet „Arbeiten“ immer einen Weg auf ein Gegenüber hin: „Arbeit ist immer ein Inneres; und immer muß sie nach einem Außen gerichtet sein.“

Daher stuft Hohl das Sprechen grundsätzlich höher ein als das Schweigen. Allerdings gebe es eine Form des Sprechens, die keine Arbeit darstellt, sondern phrasendreschermäßige Faulheit. Hohl bezeichnet sie, im Gegensatz zum „Reden“, als „Schwatzen“:

„Sprechen (…) ist in den Fällen Arbeit, wo es das Leben fördert, ein Dunkles zur Klarheit führt; wertlos und verwerflich aber in jenen Fällen, wo Klarheit schon erreicht ist und wo somit Sprechen nichts anderes darstellt als ein Aufschieben der Tat (…). Wir können die eine Art des Sprechens kurz Reden nennen, die andere Schwatzen.“ „Würde ich jemals einem raten, er solle schweigen? Niemals; sondern: reden, reden! Und jedesmal, wenn er zu schwatzen beginnt, soll er eine auf´s Maul bekommen.“

„Doch ist das Schwatzen, für den vom Schweigen Ausgehenden, auch die erste Station auf dem Weg zum Reden; somit ist das Schwatzen, wenn auch ästhetisch betrachtet geringeren Ranges als das Schweigen, wenn auch unbequemer, doch mehr als das Schweigen.“

„Dieser kleine, bescheidene Mensch spricht zum hundertstenmal einen Vorsatz, einen Beschluß aus („ich werde doch einmal –, wenn – „), von dem er und ich und alle genau wissen, daß er doch nie zur Handlung wird. Soll man sich ärgern? Das müßte wohl vorerst die Reaktion sein. Und nun erstrahlten mir plötzlich vollere Lichter, und ich begriff, daß dies, das Aussprechen des Vorsatzes, die Handlung ist, die der kleinen (schwachen) Person genügt, (sie erfüllt, befriedigt, nicht weniger, als Napoleon seine Taten befriedigt haben).“

Letztgenannte Passage stellt Hohl in den Zusammenhang des Sprichworts „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“ Der Weg des  Nichtstuns, so könnte die Variation lauten, ist mit großspurigen  Ankündigungen gepflastert. Oder, nocheinmal in Hohls Worten: „Schwatzen ist immer ein Fliehen vor der Arbeit.“

Warum diese Flucht? Deswegen, weil es keine geringe Mühe darstellt, sich – ob als Romanautor, als Verfasser eines Liebesbriefs oder als Fußballtrainer in der Halbzeitpause – eigene, voll verantwortete Sätze zu erarbeiten. Andererseits, und wie oben bereits gezeigt: Die Mühe kann sportliches Vergnügen bereiten. Wie sich auf dem Trimmrad oder beim Quiz unterschiedliche Schwierigkeitsgrade einstellen lassen, so auch beim sprachlichen Formulieren. Mancher Tresen-Schwätzer zeigt sich mit dem Wiederkäuen von Gemeinplätzen und Gemeinsätzen aufs behaglichste ausgelastet; mir bereitet das Überarbeiten und Nachbessern von Reimversen größte Freude; mein Kollege Alfons dagegen mag unterhalb des Schüttelreims gar nicht mit dem Schreiben beginnen. Jedem seine Gewichtsklasse!

6. Festkörperphysik

6.1.

Ich erlebe es immer wieder: Das, was ich gerade ansprechen will, erweist sich als etwas, „worüber man nicht sprechen kann“, um mit Wittgenstein zu sprechen. Der Versuch, ein Gefühl, einen Traum, eine Landschaftsansicht in Worte zu fassen, scheitert kläglich; Wörter scheinen vollkommen ungeeignet, das darzustellen, was ich darstellen will – wie Legobausteine unpassend erscheinen, wenn es gilt, in Originalgröße einen Weberknecht oder ein Blatt Papier nachzubauen.

In seinen „Sudelheften“ notiert der er Kleinkünstler Mani Matter (1936-1972): „Warum fällt einem manchmal nicht die Spur von einem schreibbaren Gedanken ein, zu anderen Zeiten aber gleich deren tausend? Weil man zuerst immer dazu gelangen muß, in schreibbaren Gedanken überhaupt zu denken. Denn wie es Gedanken gibt, die der einen, und andere, die der andern Sprache näherliegen, so liegen die Gedanken auch der Sprache überhaupt näher oder ferner.“

sichtlich: Unter allen Gegebenheiten in mir und außerhalb von mir gibt es solche, die ihrem Wesen nach eng mit dem Wesen der Sprache verwandt scheinen, sie lassen sich ohne größere Schwierigkeit in Worte fassen. Reflexionen zählen dazu, Schlußfolgerungen, Bewertungen, klar Entschiedenes, eindeutig Strukturiertes. Anderes zeigt sich, just im Augenblick, da ich´s erlebe oder kurz danach, von einer Stofflichkeit, die mit jener der Sprache nicht annähernd zu vereinbaren scheint. Hierher gehören gerade „unausgegorene“ Stimmungen, frische Eindrücke, die noch „arbeiten“, Empfindungen von symphonischer Großflächigkeit. Ich gehe von zweierlei Aggregatzuständen aus: Das, was mich aktuell bewegt, befindet sich in dynamisch-flexiblem Zustand, ich denke an flüssigen oder gasförmigen Aggregatzustand. Bei Wörtern dagegen handelt sich´s um statische Gebilde, um Festkörper.

Gottfried Benn spricht in seiner Rede „Probleme der Lyrik“ von der „bipolaren Spannung“ des dichterischen Schaffensprozesses:

„Der Autor besitzt:

1. einen dumpfen schöpferischen Keim, eine psychische Materie.

2. Worte, die in seiner Hand liegen, die er bewegen kann, er kennt sozusagen seine Worte.“

Einerseits also ein Biotop, auf dem subjektive Bilder wuchern, Einfälle anlanden, zündende Ideen zischeln. Und andererseits fixe Gebilde, die Wörter.

Ludwig Hohl verwendet anstelle des Biotop-Bildes das einer Dunkelkammer:

„Ich setzte mir als Regel ein:

Am Morgen nicht zu sprechen. Darum:

Die Welt ist flau. Die Welt, in der ich arbeite, das Gegenteil. – Bergender Schleier.

Ich stellte fest, daß es sich dabei um Scham handelt, ganz genau. Denn die wirkliche Scham ist eine Vorrichtung zum Schutze des Lebens, dessen Entwicklung unterbrochen oder zerstört würde durch Berührung mit gewisser Umgebung, z.B. dem Tageslicht: Dunkelkammer zum Entwickeln der Photographien.“

Im verschleierten Raum finden sich Gärung, Entwicklung, Treibgas, ein Prozeß ist im Gange. Wörter dagegen erweisen sich als deutlich konturierte, trockene, konservierte und konservierende Gebilde.

Die Unmöglichkeit, Gefühle, die einen aktuell umtreiben, in künstlerischer Gestaltung nach außen zu vermitteln, benennt auch die Schauspielerin Sybil Vane im Dorian Gray:

„I might mimic a passion that I do not feel, but I cannot mimic one that burns me like fire.“

6.2.

Wer Kummer hat, soll darüber reden, das hilft. Wieso hilft es?

Üblicherweise wird als Grund die Mitwisserschaft des Gegenübers benannt: Dieses kann sich nun solidarisch zeigen, was gewiß zur Erleichterung beiträgt. Indessen, deren alleinige Ursache stellt die Solidarität keineswegs dar. Das läßt sich insbesondere beobachten, wenn der Bekümmerte schriftlich formuliert: Er verfaßt etwa einen Brief und spürt in der Regel alsbaldige Linderung der Schmerzen – selbst wenn der Brief noch gar nicht abgeschickt wurde, ja, selbst wenn er gar nicht zum Absenden bestimmt ist. Woher rührt die Festigung des Gemütszustands? Aus der Verarbeitung. Sie bewirkt, erstens, den Effekt jeder Tätigkeit, die mit Aufwand  verbunden ist: Ablenkung durch die Anstrengung, willkommene Ermüdung, womöglich ein Erfolgserlebnis. Zweitens aber erfolgt eine bedeutende Umwandlung: Das ungeformte Gefühl wird transformiert in die kühlere, geordnete Gestalt der Sprache. Der Aggregatzustand hat sich verändert: Die unformulierte Emotion zeigte die Gestalt eines Gärungsgases, das sich heimlich ausdehnt, sich spontan entzündet, Explosionen ereignen sich. Wörter dagegen stellen Festkörper dar. Fixiert durch Sprache, erweist der Schmerz sich als domestiziert, als eingepfercht, berechenbar. Das Gespenst ist erforscht und analysiert worden, sein Geheimnis teilweise bereits  gelüftet.

Ich kenne mehrere, die ihrem übervollen Herzen in einem Brief Erleichterung verschafften, und damit solchen Erfolg erlebten, daß sie´s dann gar nicht mehr nötig fanden, den Brief abzuschicken. So ergeht es auch Dorian Gray: Nachdem er mit Sybil Vane Schluß gemacht hat, leidet er unter seinem schlechten Gewissen und setzt einen Entschuldigungsbrief an sie auf:

„He covered page after page with wild words of sorrow, and wilder words of pain. There is a luxury in self-reproach. When we blame ourselves we feel that no one else has a right to blame us. It is the confession, not the priest, that gives us absolution. When Dorian had finished the letter, he felt that he had been forgiven.“

Erst nachdem ich diesen Absatz geschrieben habe, stoße ich auf John Donnes Gedicht „The Triple Fool“, das denselben Sachverhalt schildert:

I thought, if I could draw my pains

Through rhyme´s vexation, I should them allay.

Grief brougt to numbers cannot be so fierce,

For he tames it that fetters it in verse.

(Ich dachte, wenn ich meine Schmerzen durch die Plackerei der Reime hindurchzerren könnte, würde ich sie mildern. Schmerz, der ins Maß der Verse eingefaßt wurde, kann nicht so heftig ausfallen, denn wer den Schmerz in Lyrik fesselt, der zähmt ihn.)

Freilich, so fährt Donne fort, kann, was Versmaß und Reim festbanden, durch Vertonung und musikalischen Vortrag wieder auf freien Fuß gesetzt werden:

But when I have done so,

Some man, his art and voice to show,

Doth set and sing my pain,

And, by delighting, frees again

grief, which verse did restrain.

(Doch nachdem ich so verfuhr, setzt jemand, um seine Kunstfertigkeit und seine Stimme zu demonstrieren, meinen Schmerz in Musik und trägt ihn vor, und durch das Entzücken, das er bereitet, befreit er aufs neue den Kummer, den die Verse gefesselt hielten.)

Donne spricht nicht von unterschiedlichen Aggregatzuständen, sondern von Freiheit und Gefangenschaft: Der Vers legt Emotionen in Fesseln, in der Musik bewegen sie sich frei. Auch positive Gefühle wie Verehrung und Begeisterung können durch ihre Beschreibung in kühleren Zustand überführt werden. Dies ahnte ich bereits als Schüler – sooft ein von mir hochgeschätzter Text im Deutschunterricht behandelt werden sollte, verweigerte ich jede Teilnahme an der Diskussion.

7. Erwerbstätigkeit

7.1.

Muttersprache gibt es nicht. Was landläufig mit diesem Begriff bezeichnet wird, stellt unsere erste Fremdsprache dar. Ich habe der Sprache materielle Eigenschaften nach Art physischer Körper unterstellt, und von dieser Körperlichkeit muß durchaus gelten, daß sie anders beschaffen sei als unser eigen Fleisch und Blut. Wörter sind Fremdkörper.

Wie die Mutterbrust sachgerecht zu benutzen sei, ahnt das Kleinkind instinktiv; wie die Sprache, die ringsum zu hören ist, regelrecht zu gebrauchen sei, nicht. Instinktiv freilich mag sich die Nachahmung vollziehen, durch die sich das Kind seine ersten Sprachstücke aneignet, und zwar weitgehend mühelos. Eher schon als mühsam werden jene korrigierenden Eingriffe empfunden, die nach einer gewissen Zeit erfolgen: die unschuldig aufgesammelten Wörterfrüchte – nun werden sie Gegenstand einer Unterscheidung zwischen richtig und falsch. Eine ernüchternde Erfahrung, ähnlich der des Lektorierens eines im Brainstorming niedergeschriebenen Texts.

So gehören schon zum ersten Sprachenerwerb jene Komponenten, die sich auch beim späteren Sprachenlernen finden: Müheloses, ungefiltertes, ja, meist unbewußtes Sammeln zum einen, kritische Sichtung andererseits.

Zu meiner Schulzeit erfreute sich der einsprachige Englischunterricht als neue Mode großer Beliebtheit, während konservativere Lehrer ihren Unterricht gleichwohl noch zweisprachig abhielten. Welche Methode erwies sich als empfehlenswert? Diejenige eines Wechsels zwischen beiden Methoden. Für den Anfang eignete sich der einsprachige Unterricht, hier lernten wir, uns im riesigen Pool englischer Wörter einigermaßen über Wasser zu halten. Korrektur und Feinjustierung ließen sich besser auf Deutsch, im zweisprachigen Unterricht, vornehmen.

7.2.

Jede Sprache ist Fremdsprache, und bleibt es – auch das Deutsche für Deutsche. Von daher braucht nicht zu verwundern, daß auch wir die deutsche Sprache kaum je vollständig beherrschen. Ich selbst muß beim Schreiben alle Stunde das Wörterbuch konsultieren, und bei vielen erwachsenen Landsleuten fallen mir Fehler im Gebrauch des Deutschen auf. Nur noch selten weise ich sie darauf hin, da sie üblicherweise unwirsch oder rechthaberisch reagierten. sichtlich meinen sie, über eine Muttersprache zu verfügen, die traumwandlerisch sicher zu beherrschen sei. Eignete ihnen das Bewußtsein, sich einer Fremdsprache bedienen, wären sie wohl bereit, sich korrigieren zu lassen.

Wie kommt´s, daß unser erster Fremdsprachenerwerb – jener des Kindesalters – im Rückblick weniger mühselig zu erscheinen pflegt als zweiter und dritter? Hauptsächlich dürfte es der Unterschied der entsprechenden Lebensphasen sein, der verantwortlich zeichnet. Als einem Kleinkind begegnet mir nicht allein eine fremde Sprache, vielmehr eine rundweg fremde Welt. In jeder Sekunde nehm´ ich Neues auf, lerne andauernd. Deshalb fällt mir die einzelne Unterrichtseinheit kaum auf. Ganz anders einer, der dienstagabends von Acht bis Zehn am Volkshochschulkurs Chinesisch teilnimmt und anschließend seine Stammkneipe aufsucht: Er wird konstatieren, daß er zwischen Acht und Zehn mehr Neues erfahre und sich im Dialog mehr konzentrieren müsse als zwischen Zehn und Mitternacht. Als Kleinkind befinde ich mich kontinuierlich im Chinesischkurs. Und vom Spracherwerb im Gymnasium unterscheidet sich jener des Kleinkindalters nicht zuletzt dadurch, daß hier weder schlechte Zensuren noch Strafarbeiten drohen.

7.3.

Sportliche Befriedigung erlebt Markus beim Plaudern in seiner zweiten, dritten oder vierten Sprache. Mir selbst wurde sie zuteil, als es mir erstmals gelang, in meiner ersten Sprache zu plaudern. Bei der Gesprächpartnerin handelte sich´s um meine Patentante. Soeben hatte meine Mutter das Zimmer verlassen, nur mehr die Tante und ich waren am Kaffeetisch verblieben. Wochen zuvor noch hatte eben diese Situation Streß für mich bedeutet: ohne die Moderation meiner Mutter mit Erwachsenen zu reden, erlebte ich als höchst unangenehm: Meine Tante pflegte Fragen zu stellen Schule, Lehrerin, Freunde betreffend – zu beantworten galt es sie in tantengerechter Sprache, in Erwachsenensprache, die gewaltige Anstrengung bereitete. An diesem Nachmittag aber merkte ich, mir war der Durchbruch gelungen. Es lief! Sachverhalte, über die ich die Eltern hatte sprechen hören – Rasenmähen, Nachbarn, Politik -, mit Erwachsenenwörtern, die ich mir gemerkt hatte, referierte ich sie, meine Tante spielte mir die Bälle zurück, neuerlich nahm ich sie auf, und spürte begeistert: Ich hab´s geschafft, auf diesem schwierigen Terrain kann ich mich bewegen, ohne abzustürzen, auf diesem Niveau die Gesprächs-Vorlagen annehmen und weiterverarbeiten ohne Fehlpaß. Ein Genuß!

8. Feuer

Im Bestreben, fundierte Aussagen zu treffen, fragt Wissenschaft in der Regel nach Nutzen und praktischem Zweck. Erzeugen Lebewesen Geräusche oder bringen sie ihre Stimme zum Erklingen, so versucht Wissenschaft, hier praktischen Nutzen als Motiv zu diagnostizieren: beim Klopfen des Spechts etwa oder beim Gesang der Amsel.

Ich dagegen halte den baren sinnlichen Genuß für einen mindestens ebenso bedeutenden Antrieb. Der erste Schritt, den ein Urzeitbär vor seine Höhle setzte, bildete er den Auftakt zu einem Jagdausflug, zu einer Flucht vor Feuersbrunst – oder nicht vielmehr zu einem Spaziergang? Haben Adam und Eva miteinander geschlafen, weil Nachwuchs her mußte zur  Unterstützung bei der Feldarbeit – oder hatten sie nicht vielleicht einfach Lust aufeinander? Haben der erste Hirsch geröhrt, der erste  Neandertaler geschrieen, um vor Gefahr zu warnen – oder taten´s die  beiden nicht vielleicht aus purer Freude am Lärm?

Not macht erfinderisch, aber keineswegs sie allein. Auch Gelegenheit macht erfinderisch, und Gelegenheit zur Erfindung kann sich gerade auch in jenem Zustand einstellen, der der Not entgegengesetzt ist: im Zustand der Lust, der Entspannung, des Flanierens. Beim Klang von Schmiedehämmern habe Pythagoras die Zahlenproportionen der musikalischen Intervalle entdeckt, in der Badewanne Archimedes das Auftriebsgesetz, unterm Apfelbaum sitzend Newton die Gravitation – so wenig diese Anekdoten historische Tatsachen überliefern, so deutlich spiegeln sie die Erfahrung der quasi beiläufigen Erfindung wieder.

Auch die Entstehung von Sprache betreffend neigt Wissenschaft dazu, im Zweck die hauptsächlich treibende Kraft der Evolution zu finden: Benennung, Warnung, Appell, Verbot – für derlei Aufgaben sollte die Sprache tauglich sein, und nach einiger Entwicklungszeit war sie´s. Ich bevorzuge auch hier, Freude als Haupt-Zeugungskraft anzusehen. Sprache entstand, wie der Gesang, aus Lust am Lärm. Ein Baby entdeckt die Freude an seiner Stimme unabhängig vom zweckdienlichen Stimmeinsatz, obgleich es den funktionalen Zusammenhang zwischen Geplärr und Gefüttertwerden bereits kennt. Der Hund entdeckt die Freude an seiner Stimme unabhängig vom Zweckdienlichen, obgleich er es schon versteht, Fremde zu verbellen. Die Nachtigall und der sechzehnjährige Liedermacher schmettern ihre Weisen aus reinem Selbstgenuß, obgleich sie bereits erfahren haben, daß Geschmetter im Hinblick aufs Paarungsziel hilfreich wirken kann.

Meine Überzeugung ist es, daß dem allergrößten Teil dessen, was just im jetzigen Augenblick auf dem Planeten geredet wird (13.08.2011, 22:01), als Motiv nicht Notwendigkeit zugrundeliegt, sondern Lust. Lust, die durch jenen Einsatz, welchen das Gewicht der Wörter aufzubieten verlangt, nicht verringert, sondern vergrößert wird. Lust an Aufwand und folgerichtiger Eigendynamik, Lust an der Bewegung der Stimmbänder und der mitschwingenden Resonanzkörper. Für den gesamten Sprachgebrauch unserer Kultur spielen die direkt zweckgerichteten Sprechakte ungefähr dieselbe Rolle wie die Fahrten unter Blaulicht und Sirene für den gesamten Straßenverkehr.

Indem ich diese Zeilen schreibe, habe ich Markus und sein Studentenwohnheim aus den Augen verloren. Aber vor meiner Haustür haben sich libanesische Männer aller Altersstufen versammelt, lassen Motorroller auforgeln, Handys piepsen und Wortketten hin- und herfliegen, in hellem Staccato, in großem Gestus, mit viel Energie und hohem Vergnügen. Ob Verbrennungsmotor oder Redeschwall: Materieteilchen werden in die Luft geschleudert, Aggregatzustände verändern sich, Atmosphäre wippt nach in Wogen. Wir können was Nützliches draufpacken auf Motorroller oder Rede, wir können beide leer aus purer Fontänenlust sprudeln lassen. Gleich: Es sprüht, verglüht und hinterläßt seine Spur, das Gewicht der Benzinwolke, das Gewicht der Wörter.